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7. Zahnärztliches Symposium „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“


Die 7. Wissenschaftliche Tagung der Zahngesundheitszentren der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Oberösterreich (ÖGZMK OÖ) am 21. Oktober 2017 beschäftigte sich mit täglichen Fragen in der Zahnarztpraxis, vernachlässigte aber auch in der diesjährigen Auflage selten behandelte Themen nicht.

Mit der großen Erfahrung aus den vergangenen Tagungen konnte die Tagungsreihe heuer zum siebten Mal erfolgreich organisiert werden. Unter dem Motto „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“ wurden Fragestellungen für die Behandlung spezieller Altersgruppen beleuchtet.

Die Teilnahme von über 90 Fachleuten, die aus ganz Österreich und auch aus Deutschland am 21. Oktober 2017 in das Medizinische Ausbildungszentrum des MedCampus VI kamen, zeigte das große Interesse, das dieser Veranstaltungsreihe von Beginn an entgegengebracht wird. Die Begrüßung erfolgte durch OÖGKK-Ressortdirektorin Mag.a Dr.in PH Karin Rumpelsberger. Auch die Stadt Linz überbrachte durch VBgm.in Karin Hörzing die besten Wünsche für eine erfolgreiche Veranstaltung.

Die leitende Chefzahnärztin der OÖGKK, Prim.a Katrin Pertold, eröffnete und moderierte das fachübergreifende Symposium.

Bei der Dentalausstellung im Foyer konnten sich die Besucher auch heuer wieder über neueste technische Produkte für die Zahnarztpraxis informieren.

In ihrer Begrüßung wies Ressortdirektorin Rumpelsberger darauf hin, dass die OÖGKK Wert darauf legt, dass ihre Zahnärzte nicht nur über die selbstverständliche fachliche Qualifikation verfügen. Darüber hinaus ist es wichtig, auch über das nötige menschliche Einfühlungsvermögen in einer manchmal schwierigen Behandlungssituation zu verfügen. Das Programm der Tagung bietet zu beiden Bereichen wertvolle Inputs.

VBgm.in Hörzing erweiterte den Titel der Veranstaltung mit der Feststellung, dass die älteste Linzerin bereits ihren 109. Geburtstag gefeiert hat. Sie wies darauf hin, dass ein Gesundheitsziel der Stadt Linz bis 2020 darauf gerichtet ist, dass 80 Prozent der 6-Jährigen kariesfrei sind und 12-Jährige im Durchschnitt höchstens 1,5 kariöse, extrahierte oder gefüllte Zähne aufweisen.

Prim.a Pertold berichtete über die vielen positiven Rückmeldungen nach der vergangenen 6. Tagung. Anhand einiger Beispiele wurde die Schere „zwischen der zahnmedizinischen Behandlung und dem übrigen beruflichen Alltag“ dargelegt. Angesichts des erhöhten Aufwands für Dokumentation und Aufklärung und dem Umgang mit schwierigen Patienten stellt sich die Frage im Programm „ob der Beruf noch Spaß macht“ nicht zu Unrecht. Das führte zu einem Programm mit diesen relevanten Themen, für deren Diskussion wieder erfahrene Vortragende gewonnen werden konnten.

 

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Von der Kinderbehandlung bis zu Notfällen in der Praxis

Mit Tipps und Tricks für die Behandlung wurde versucht, der manchmal herausfordernden Patientengruppe der Kinder gerecht zu werden – hier lautete das Stichwort: Behandlungsführung durch Hypnose.

Nicht für alle Patienten ist der Zahnarztbesuch mit einer – im Regelfall wenig Angst einflößenden – Behandlung beim Hausarzt gleichzusetzen: Manchmal benötigt es daher das Wissen um Deeskalation in der Praxis. Im Anschluss daran wurde die Aufmerksamkeit auf die Geschichte der Zahnheilkunde gelenkt. Und schließlich wurde darauf hingewiesen, dass auch in der Zahnarzt-Ordination Notfallversorgungen nötig werden können und es daher gilt, vom Kollaps bis zur Reanimation auf alles gut vorbereitet zu sein.

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Die Referenten

  • Dr.in Eva Oppolzer, niedergelassen Zahnärztin in Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, Mitarbeit im Kompetenzzentrum für MKG-Chirurgie und Jugendzahnheilkunde am Donauspital Wien
  • OMR Dr. Walter Drobnitsch, niedergelassener Zahnarzt in Graz, beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für ZMK und MKG
  • Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz, Vorstand der Abteilung für Radio-Onkologie Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Linz
  • Prim.a Katrin Pertold, Leitende Chefzahnärztin der OÖGKK
  • Anneliese Schauer-Mühl, MA, DGKP, diplomierte Erziehungswissenschafterin und freiberufliche Erwachsenenbildnerin
  • MR Dr. Wilfried Wolkerstorfer, niedergelassener Zahnarzt in Linz, Kustos der Linzer Museums für Geschichte der Zahnheilkunde
  • Dr. Simon W. Stöcklegger, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin in Linz
  • Dr. Jürgen Zehetmayr, stellvertretender ärztlicher Leiter des Zahngesundheitszentrums Linz der OÖGKK

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Die Inhalte – „Und, macht der Beruf noch Spaß?“

Diese Frage stellte der Einladungsfolder: Durchaus gerechtfertigt, wenn der stetige Umbruch der Zahnmedizin und sowohl die steigenden fachlichen Anforderungen als auch die wachsenden Erwartungen der Patienten in Betracht gezogen werden. Deshalb stellten renommierte Referenten aus vielen Fachbereichen die aktuellen Herausforderungen dar und verrieten ihre Tricks, um den Behandlungsalltag erfolgreich und zufriedenstellend zu bewältigen.

Gemäß dem Titel der Veranstaltungsreihe spannte die Veranstaltung einen weiten Themenbogen. Natürlich begann er mit speziellen Methoden für die entspannte Behandlung der kleinsten Patienten. Danach wurden auf die gesetzliche Pflicht zur Patienten-Aufklärung und Dokumentation des Behandlungsverlaufs eingegangen. Die Einhaltung dieser Bestimmungen hat Auswirkungen u. a. auf Gewährleistung und Schadenersatz. Manchmal muss eine Zahnbehandlung im Rahmen einer Tumorbehandlung erfolgen. Dass dabei spezielles Wissen um die Verträglichkeit und Voraussetzungen für zahnmedizinische Interventionen unabdingbar ist, beleuchtete das Referat vor der Mittagspause. Nicht alle Behandlungen in der Praxis laufen reibungslos ab: Tipps zur Deeskalation bei Problemen kamen von einer Erziehungswissenschafterin. Danach wurde ein Blick zurück in die Geschichte der Zahnheilkunde geworfen. Schließlich ging das Abschlussreferat auf die Notwendigkeit ein, dass jedes Zahnbehandlungsteam auf mögliche Notfälle in der Ordination vorbereitet sein sollte.

  • Tricks für entspannte Kinderzahnbehandlung
  • Aufklärung und Dokumentation mit Maß und Ziel
  • Zahnmedizinische Betreuung bei Strahlentherapie
  • Patientenführung im Konfliktfall
  • Moderne Zahnheilkunde
  • Medizinische Notfälle in der Ordination


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Tricks für entspannte Kinderzahnbehandlung

Tipps und Tricks für eine leichtere und entspanntere Kinderzahnbehandlung basieren auf menschlicher Zuwendung und Techniken der modernen klinischen Hypnose, berichtet Dr.in Eva Oppolzer aus ihrem Praxisalltag. Die Mitgründerin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde ist von der Österreichischen Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose für Hypnose und Kommunikation zertifiziert.

In ihrem Vortrag zeigte sie Möglichkeiten auf, wie Positives verstärkt und kleine Fehler, die oft unangenehme Folgen mit sich bringen, vermieden werden können. Grundlagen dafür sind sichere Rahmenbedingungen und liebevolle Zuwendung, sodass ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Als Regel gilt das „Einspielen“ in kleinen Schritten – mit alters- und entwicklungsangepasster Kommunikation. Ebenso wichtig ist die nonverbale Ebene: Authentizität und positive Wertschätzung spielen dabei eine ebenso große Rolle wie der beruhigende Körperkontakt. In der Folge stellte sie besonders gut geeignete Worte und effiziente Sätze vor. Mit Lob und tollen Geschichten, die besonders gut ankommen, kann die Arbeit mit Kindern auch Spaß machen. Ohne Empathie geht in der Behandlung von Kindern gar nichts, negativ besetzte Worte („das tut jetzt gar nicht weh“, „du bekommst jetzt eine Spritze“) sind kontraproduktiv.

Um mit dem kleinen Patienten in gutem, aufmerksamen Kontakt zu stehen, ist es wichtig, über den momentanen Zustand des Kindes genau im Bilde zu sein. Dabei ist es hilfreich, Trancezeichen zu erkennen und kleine Änderungen sofort wahrzunehmen, um Überforderung der Kinder zu vermeiden. Nonverbale Kommunikation, also das Verstehen von Mimik und Gestik, ist dabei genauso wichtig wie Wortwahl und Melodie, Geschwindigkeit und Rhythmik der Sprache.

Zahnärzte beeindrucken über alle Sinneskanäle. Dies zeigte der Vortrag eindringlich auf und nannte einige Möglichkeiten, bewusst damit zu arbeiten. So wird etwa ein Spiegel von älteren Kindern gerne gewählt und lässt sie die Behandlung „von außen“ erleben. Hierzu wurden einige Bespiele gezeigt.

Wie die Behandlung beendet wird, ist genauso wichtig wie die Behandlung selbst. Dabei kann Positives verstärkt und das Selbstwertgefühl gehoben werden. Etwaige unangenehme Gefühle werden überdeckt und sogar der Erfolg für die kommenden Behandlungstermine kann sichergestellt werden.

Für ihre Behandlungen geht die Ärztin von etwa 40 Minuten pro Einheit aus.

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Aufklärung und Dokumentation mit Maß und Ziel

Die vom Gesetzgeber ausdrücklich geforderte und zeitaufwendige Dokumentation und Aufklärung bei Übernahme eines Patienten zur Beratung oder Behandlung ist das „Reizthema“ aller Ärzte und Zahnärzte. Neben der Erläuterung des Zahnärztegesetzes und den darin enthaltenen Verpflichtungen beleuchtete OMR Dr. Walter Drobnitsch anhand von praxisbezogenem Bildmaterial die notwendige Dokumentation und die entsprechende Aufklärung des Patienten.

Als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für ZMK und MKG konnte er in seinem Vortrag auch die möglichen forensisch – juridisch – versicherungstechnischen Konsequenzen aus erster Hand beleuchten und erläuterte die Begriffe Beweislastumkehr, Gewährleistung, Garantie und Schadenersatz sowie Feststellungsbegehren und Nachhaftung.

Aus seiner Erfahrung vor Gericht berichtete Drobnitsch, dass „alles was nicht dokumentiert ist, auch nicht geschehen ist“. Ohne schriftliche und mündliche Aufklärung – und deren Dokumentation – entsteht kein Behandlungsvertrag und dem Zahnarzt könnte im Extremfall der Vorwurf einer Körperverletzung mit all seinen Folgen angelastet werden.

Eindringlich riet Drobnitsch seinen Kollegen, niemals Originaldokumente wie etwa Röntgenaufnahmen aus der Hand zu geben. Die Aufklärung ihrer Patienten über Risiken, mögliche Komplikationen der Behandlung und alternative Methoden bewahrt Zahnärzte vor künftigen Regressforderungen. Schadenersatz kann innerhalb von drei Jahren nach Kenntnis des Schadens für 30 Jahre gefordert werden. Die Kosten können empfindlich sein: Der Schadenersatz umfasst Abgeltungen für Schmerzen und Unbill, Folgeschäden, der Kosten von Folgebehandlungen und die Rückzahlung des Werklohnes.

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Strahlentherapie – eine wichtige Säule in der Tumortherapie: Zahnmedizinische Intervention und Verträglichkeit

Eine Krebsdiagnose ist immer ein Schock. Für den Kopf-Hals-Bereich gilt aufgrund des exponentiellen Tumorwachstums, dass die Behandlung besonders zügig einzuleiten ist, sonst drohen Resistenzen und die Bildung von Metastasen. Dabei zählen operative Eingriffe, Strahlentherapie, Chemotherapie und zielgerichtete Therapeutika zum modernen Therapiespektrum. Über die optimale Behandlung entscheiden verschiedene individuelle Faktoren wie Art, Größe und Ausbreitungsart des Tumors, aber auch der Gesundheitszustand des betroffenen Patienten.

Der erste Schwerpunkt des Vortrags von Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz und Prim.a Katrin Pertold lag auf der Strahlentherapie: Auf den Grundlagen der Radiotherapie wurden Indikationen, Effektivität und neue Therapieansätze, aber auch Nebenwirkungen erläutert. Die Strahlentherapie greift in den DNA-Zyklus der Tumorzellen ein und zerstört sie. Geinitz erläuterte, dass im Krankhaus der Barmherzigen Schwestern Linz Strahlentherapie und nicht -diagnose durchgeführt wird. Rund 220 Patienten werden pro Jahr gegen Tumoren im Kopf-Hals-Bereich nicht-invasiv behandelt. Diese Tumoren stehen in der Häufigkeit nach Prostata-, Cervix- und Hauttumoren an vierter Stelle.

Bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich ist neben der Abteilung für HNO oftmals auch die Zahnmedizin involviert: Um mögliche Folgen in der Mundhöhle so gering wie möglich zu halten, muss bei Patienten vor Beginn der Strahlentherapie eine zahnmedizinische Sanierung durchgeführt werden. Im sehr kurzen Zeitfenster von drei Wochen, das für die genaue Planung der Radiotherapie zur Verfügung steht, sollen die notwendigen zahnmedizinischen Vorbereitungen abgeschlossen und evtl. benötigte Zahnschienen angefertigt sein. Dabei gilt es zwischen einer radikalen Vorgangsweise, um mögliche Entzündungsherde zu beseitigen, und einer zahnerhaltenden Herangehensweise, um Verankerungsmöglichkeiten für Zahnersatz zu schaffen, abzuwägen. Zahnextraktionen während der Strahlentherapie sollten wegen zu erwartender Wundheilungsstörungen vermieden werden, auf Co-Faktoren wie etwa Diabetes muss besonderes Augenmerk gelegt werden.

Die Erfahrung zeigt, dass die Verwendung von Schleimhaut-getragenem Zahnersatz aufgrund lokaler Nebenwirkungen oftmals nicht möglich ist. Das wirkt sich belastend auf die Ernährung der Patienten aus. Zusätzlich zur zahnmedizinischen Sanierung werden im Zahngesundheitszentrum Linz der OÖGKK für die meisten Patienten Schienen hergestellt, die zur Reduzierung von Streustrahlung – ausgehend von metallversorgten Zähnen – beziehungsweise zur Fluoridierung verwendet werden.

Die zahnmedizinische Betreuung dieser Patienten endet jedoch nicht mit dem Beginn der Strahlentherapie, sondern muss auch in dieser Phase intensiv fortgesetzt werden. Ziel dabei ist die frühzeitige Erkennung und Therapie möglicher, teilweise gravierender Nebenwirkungen. Orale Mukositis, Radioosteonekrose, reduzierter Speichelfluss, Einschränkung der Kaufunktion und Nahrungsaufnahme sowie Osteomyelitis sind nur einige Beispiele. Auch nach Abschluss der Strahlentherapie sind interdisziplinäre Kontrollen nötig, um Spätfolgen zu minimieren und mögliche Rezidive oder Neuerkrankungen möglichst frühzeitig erkennen und behandeln zu können.

Die enge Zusammenarbeit zwischen den Zuständigen aus den Bereichen HNO/Radioonkologie und Zahnmedizin sei dabei unverzichtbar, falls diese Patienten unzureichende Compliance zeigen und eines erhöhten psychosozialen Betreuungsaufwands bedürfen. Die Vortragenden wiesen auf die Erfahrungen aus der seit 2016 bestehenden Zusammenarbeit zwischen dem Ordensklinikum der Barmherzigen Schwestern und dem Zahngesundheitszentrum Linz der OÖGKK hin: Demnach ist nicht nur fachliche Expertise sondern auch menschliche Wertschätzung unabdingbare Voraussetzung, um den Betroffenen zielgerichtet zu helfen.

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Deeskalation in der (Zahn-) Medizin

In ihrem Vortag beschäftigte sich Anneliese Schauer-Mühl, MA, mit der Deeskalation der häufigsten Ursachen negativer Emotionen und Aggressionen von Patienten im Praxisalltag. Die Teams müssen mit Stress, Überforderung, Frustration, Schmerz, Angst, Sorge, Krisen, Sprachbarrieren und auch Kulturunterschieden in der Behandlungssituation umgehen können. Durch ihre langjährige praktische Tätigkeit als Diplomkrankenschwester und Ausbildnerin im Gesundheitsbereich ist Schauer-Mühl mit Deeskalation im Patientenkontakt eng vertraut.

Der Vortrag erläuterte den Zusammenhang zwischen Resilienz der Praxismitarbeiter und deren Fähigkeit, erfolgreich zu deeskalieren. Darüber hinaus wurden anhand eines 6-Stufenmodells konkrete Interventionen zur Deeskalation von negativen Emotionen oder Aggressionen besprochen. Den Abschluss bildete ein kurzer Ausblick über betriebliches Deeskalationsmanagement zum Schutz von gefährdeten Mitarbeitern.

Deeskalierendes Verhalten sei darauf ausgerichtet, expressive negative Emotionen oder Aggressionen zu verstehen und zu deuten und darauf aufbauend zu verändern beziehungsweise zu vermeiden. Deeskalierendes Verhalten bedeutet jedoch nicht, dass kriminelles Verhalten eines Gegenübers ohne rechtliche Konsequenzen bleiben müsse. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, zunächst die Situation zu deeskalieren und erst im Nachhinein entsprechende Konsequenzen zu veranlassen.

In „aufgeheizten“ Situationen ist es erforderlich, zwischen expressiver Emotion ohne Schädigungsabsicht und Aggression mit zielgerichteter Schädigungsabsicht zu unterscheiden.

Erfolgreiche „Deeskalierer“ weisen häufig bestimmte Resilienzfaktoren auf wie etwa:

  • Lernfähigkeit,
  • soziale Perspektivenübernahme (auch die Situation des anderen sehen),
  • realistische Ursachenzuschreibung und
  • den Willen zur emotionalen Selbstregulierung.

Das 6-Stufenmodell der Deeskalation zeigt, was im Vorfeld getan werden kann, um Aggressionen zu verhindern: Patienteninformation, professionelles Wartezonenmanagement, vor allem auch Ursachenverständnis für aggressives Verhalten. Auch kommunikative Deeskalation, wie das „Hören auf dem richtigen Ohr“ und das „Aktive Zuhören“ helfen dem hoch angespannten Patienten in vielen Fällen, sich zu beruhigen. Für Berufsgruppen, die einer hohen Fremdgefährdung ausgesetzt sind, sind aber auch Schulungen von Abwehr-, Flucht- und Fixierungstechniken mit all ihren ethischen Aspekten notwendig.

Schauer-Mühl wies darauf hin, dass ein professionelles Deeskalationsmanagement

  • „Hotspots“ im Betrieb analysieren und entschärfen,
  • die Gefährdung einzelner Mitarbeiter analysieren,
  • sichere Arbeitsplätze einrichten,
  • Schulungsmaßnahmen für Mitarbeiter empfehlen,
  • Notfallpläne erstellen und
  • psychologische Erstbetreuung und Nachsorge organisieren wird.
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Meilensteine auf dem Weg zur modernen Zahnheilkunde

MR Dr. Wilfried Wolkersdorfer, niedergelassener Zahnarzt in Linz und Kustos des Linzer Museums für Geschichte der Zahnheilkunde, wies darauf hin, dass schon 1898 gefordert wurde, die Geschichte der Medizin nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft erhob bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Forderung, bei möglichst allen Veranstaltungen für Tätige im Gesundheitswesen auch einen Blick auf die Geschichte der Medizin zu werfen.

Wolkersdorfer ist Kustos des Linzer „Zahnmuseums“ – des einzigen verbliebenen einschlägigen Museums in Österreich. Sein Vortrag beschäftigte sich mit den sich ständig verändernden Herausforderungen in der Zahnheilkunde in der älteren und jüngeren Vergangenheit.

Wie haben sich Ausrüstung, Technik und Materialien entwickelt? Wie war die Ausbildung früher? Wie hat sich die Rolle der Zahnbehandler in der Gesellschaft geändert und wie die der weiblichen Zahnärztinnen? Das waren die Fragen, auf die Wolkersdorfer in seinem Vortrag Bezug nahm.

Im Jahr 1886 legte Hermann Hillischer das Konzept für eine zahnärztliche Ausbildung über zwei Semester an den medizinischen Fakultäten vor. Im Jahr darauf wurden die Untersuchung und Gratisbehandlung von Schulkindern in Wien durchgeführt, deren Ergebnisse sogar in Tageszeitungen veröffentlicht und thematisiert wurden.

1890 wurde das erste k.k. Zahnambulatorium der Universität Wien unter Julius Scheff eröffnet.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts stellte Dr. Carl Roese bei zahnärztlichen Untersuchungen an Kindern in einem Waisenhaus „99 Prozent hohle Zähne“ fest. Zwei Jahre später – 1897/98 – wurden die ersten Schulzahnärzte Österreichs im schlesischen Troppau installiert. In Linz führte Dr. Friedrich Kopriwa von 1907 bis 1912 erste schulzahnärztliche Untersuchungen durch.

Parallel dazu errichtete 1910 die Österreichische Gesellschaft für Schul-Zahnpflege die erste Schulzahnklinik in einer Lazarettbaracke im Garten der Volksschule Wien-Hütteldorf.

Als erste Schulzahnärztin Österreichs propagierte Dr. Martha Wolf Zahnpflege und trat für Kieferorthopädie ein. Aber bereits 1895 wird Emile Edel (ohne Medizinstudium) die erste Zahnärztin Österreichs – in Mostar im damaligen Kronland Herzegowina.

Wolkersdorfer ging in der Folge auch auf die Entwicklung der Hygiene im medizinischen Bereich ein und skizzierte über die Entdeckung der Ursachen des Kindbettfiebers, der Bekämpfung von Bakterien, der Sterilisation die Entwicklung der – von der Ärzteschaft vorerst angefeindeten – Operationshandschuhe. Er wies darauf hin, dass Gustav Neuber aus eigenen Mitteln in Kiel die erste Klinik, die nach Grundsätzen der Asepsis arbeitete, errichtete. Das Ziel: Aufeinander aufbauende Maßnahmen sollen die Keimbelastung reduzieren. Dabei stellte er die heute noch geltenden Infektionsquellen ins Zentrum seiner Überlegungen:

  • Baukörper: Isolation, Zu- und Abluft, Abwässer
  • Operationsräume: Anzahl, Reinigung, Inventar
  • Instrumente, Verbandstoffe
  • Personal: Kleidung, Händedesinfektion
  • Haut des Operationsfeldes
  • Hände des Operateurs.
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Der Notfall in der zahnärztlichen Praxis

Dr. Jürgen Zehetmayr, stellvertretender ärztlicher Leiter des Zahngesundheitszentrums Linz der OÖGKK und Dr. Simon Stöcklegger, Oberarzt am Departement für Neuroanästhesie und Intensivmedizin des Kepler Universitätsklinikums Linz, Neuromed Campus, und Notarzt des Roten Kreuz OÖ, beschäftigten sich mit (lebensbedrohlichen) Notfällen in der Zahnarztpraxis.

Sie wiesen darauf hin, dass diese Notfälle zwar glücklicherweise ein seltenes Phänomen sind, trotzdem kämen sie mit steigender Häufigkeit vor und stellten für das Behandlungsteam oft eine nicht unbedeutende Stresssituation dar. Dies sei auch der demographischen Entwicklung und somit der Überalterung der Gesellschaft geschuldet.

Verschiedene Notfälle treten mit unterschiedlicher Häufigkeit auf. So kommt während der gesamten zahnärztlichen Berufslaufbahn ein Zwischenfall nach Gabe von Lokalanästhetika durchschnittlich etwa sieben Mal vor.

Eine Diplomarbeit der MedUni Wien 2017 ergab aus einem Beobachtungszeitraum von zehn Jahren 3.117 Notfälle bei 194 Zahnärzten – das sind zwei Notfälle pro Zahnarzt. Gerade aufgrund dieser geringen Fallzahlen erscheint es für den Zahnarzt und sein gesamtes Ordinationsteam trotzdem als unabdingbar, auf diese Situationen vorbereitet zu sein. Im Gegensatz zum Ärztegesetz findet sich in Zahnärztegesetz zwar keine explizite Regelung einer Erste-Hilfe-Leistungspflicht. Es entbindet den Zahnarzt jedoch nicht von der für jedermann geltenden „Allgemeinen Hilfeleistungspflicht“.

Regelmäßige Auffrischungen und Trainings von zum Beispiel BLS–Maßnahmen (basic life support – lebensrettende Sofortmaßnahmen) sowie das Vorhandensein einer adäquaten Minimalausstattung an Geräten und Medikamenten müssen zur Grundausstattung einer jeden zahnärztlichen Ordination zählen. Laut der Referenten sind sowohl ein AED (automatisierter externer Defibrillator) als auch ein Blutdruckmessgerät zu empfehlen.

Mit einem dementsprechenden „Handwerkszeug“ ausgestattet, sollte es möglich sein, die meisten Notfallsituationen zu entschärfen oder zumindest so lange zu überbrücken, bis – nach Ingangsetzung der Rettungskette – professionelle Hilfe durch einen Notarzt eintrifft.

In ihrem Vortrag versuchten die Fachleute, einen kurzen Überblick über die gängigsten Notfälle und deren adäquate Therapie zu geben.

Ihre Zusammenfassung lautete:

  • Notfälle sind selten, sie kommen jedoch vor und können unter Umständen schnell lebensbedrohlich sein.
  • Nur 4 Prozent der Notfälle benötigen eine weiterführende Behandlung.
  • Man kann mit wenigen Handgriffen und Medikamenten die meisten Situationen beherrschen beziehungsweise lebensbedrohliche Notfälle bis zum Eintreffen eines Notarztes adäquat behandeln.
  • Die cardiopulmonale Reanimation sollte von jedem Arzt beherrscht werden und Auffrischungen von BLS-Maßnahmen sollten regelmäßig durchgeführt werden (gesamtes Team).
  • Ein Basis Notfallkoffer, im Optimalfall mit AED (und Sauerstofflasche) sollte in jeder Ordination vorhanden sein.
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Resümee

Die lebendigen Referate zu einem breit gefächerten Themenbereich betrafen die tägliche Praxis aller Teilnehmer. Oppolzer konnte wieder einmal vermitteln, dass auch mit Kindern eine beruhigte und ruhige Arbeit möglich ist. Der Vortrag von Drobnitsch über Dokumentation und Regressansprüchen beschäftigte den Referenten auch in der anschließenden Kaffeepause. Geinitz und Pertold schilderten anschaulich die Probleme einer in der niedergelassen Praxis selten auftretendes Patientengruppe. Schauer-Mühl steuerte die Lösung neu auftretender Probleme mit immer selbstbewussteren und fordernderen Patienten bei, Problem, die die Vergangenheit in dieser Form nicht kannte. Das belegt wohl das Referat von Wolkersdorfer.

Und schließlich sorgte der abschließende Vortrag von Zehetmayr und Stöcklegger über Notfälle in der Zahnarztpraxis dafür, dass das Ende der Veranstaltung wegen großen Interesses erst c.t. eingehalten wurde. Nicht zuletzt deshalb konnte auch das diesjährige Symposium als großer Erfolg gewertet werden.

Mag. Christian Boukal

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Fotos

7. Zahnärztliches Symposium

OÖGKK-Ressortdirektorin Mag.a Dr.in PH Karin Rumpelsberger, VBgm.in Karin Hörzing, Leitende OÖGKK-Chefzahnärztin Prim.a Katrin Pertold

7. Zahnärztliches Symposium

Plenum

7. Zahnärztliches Symposium

Plenum während des Vortrags von Prim.a Katrin Pertold und Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz


7. Zahnärztliches Symposium

Die Vortragenden (von li.): Anneliese Schauer-Mühl, MA, Dr. Jürgen Zehetmayr, Dr.in Eva Oppolzer, Prim. Univ.-Prof. Dr. Hans Geinitz, Prim.a Katrin Pertold, OMR Dr. Walter Drobnitsch, MR Dr. Wilfried Wolkerstorfer

Im Bild fehlend: Dr. Simon W. Stöcklegger

7. Zahnärztliches Symposium

Plenum bei Lockerungsübungen nach der Mittagspause

7. Zahnärztliches Symposium

Dr. Jürgen Zehetmayr, Dr. Simon W. Stöcklegger


Zuletzt aktualisiert am 31. Oktober 2017