DRUCKEN

6. Zahnärztliches Symposium „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“

Prof. Dr. Jörg Weimann, DDr.in Silvia M. Silli, Prim. Katrin Pertold, Prof.in DDr.in h.c. Annerose Borutta, Dr.in Petra Drabo, Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl,

6. Wissenschaftliche Tagung der Zahnambulatorien der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Oberösterreich (ÖGZMK OÖ) am 26. September 2015 spannt weiten Bogen und behandelt ein besonders aktuelles Thema.

Nach den großen Erfolgen der vergangenen Jahre wurde die Veranstaltungsreihe heuer zum sechsten Mal organisiert. Auch dieses Mal wurde unter dem Veranstaltungsmotto „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“ auf die Zahngesundheit in allen diesen Lebensabschnitten eingegangen.

Mit über 120 Teilnehmern, die aus ganz Österreich und Deutschland am 26. September 2015 in das Medizinische Ausbildungszentrum des AKh Linz kamen, setzte die Veranstaltung den Erfolg der vergangenen Jahre fort. Die Begrüßung erfolgte durch die Ressortdirektorin Mag.a Dr. PH Karin Rumpelsberger, die auch von OÖGKK-Obmann Albert Maringer, der leider verhindert war, Grußworte an die Teilnehmer richtete. Die leitende Chefzahnärztin der OÖGKK, Prim. Katrin Pertold, eröffnete und moderierte dieses fachübergreifende Symposium.

Bei der Dentalausstellung im Foyer konnten sich die Besucher wieder über neueste technische Produkte für die Zahnarztpraxis informieren.

 

up

Von Zahnprophylaxe bis zu Problemen der Prothetik

Neben dem Themenkreis der Zahnpflege und -prophylaxe für Kleinkinder und Jugendliche befasste sich das Symposium, dem Motto entsprechend, mit der Zahnbehandlung für Hochbetagte und Problemen der Prothetik sowie der Behandlung von Patienten mit blutgerinnungshemmenden Medikamenten. Darüber hinaus wurde auch über Asylbestimmung im Asylwesen und den Einsatz von Lachgas in der Zahnheilkunde referiert.

 

up

Die Referenten

  • Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl, Professor der Klinische Abteilung für Zahnersatzkunde der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Graz
  • Prof.in DDr.in h.c. Annerose Borutta, emeritierte Direktorin am Zentrum für Kinderzahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Dr.in Petra Drabo, niedergelassene Zahnärztin in Wien und Assistenzärztin an der 1. Abteilung der Universitätszahnklinik Wien mit Schwerpunkt Kinderzahnheilkunde
  • Prim. DDr. Michael Malek, Leiter der Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie am AKh Linz
  • DDr. Ernst Rudolf, Allgemeinmediziner und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für asylrechtliche medizinische Begutachtung in Österreich
    • DDr.in Silvia M. Silli, niedergelassene Kieferorthopädin in Wien und Mitglied des European Board of Orthodontists
  • Prim. Priv.-Doz. Dr. Clemens Steinwender, Vorstand der Interne 1 – Kardiologie am AKh Linz
  • Prof. Dr. Jörg Weimann, D.E.A.A., Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und interdisziplinäre Intensivmedizin des Sankt Gertrauden-Krankenhaus Berlin

up

Die Inhalte

Die demografische Entwicklung muss ein zunehmendes Angebot an Leistungen und Gütern zur Krankenbehandlung für alte Menschen nach sich ziehen. Um die Zahngesundheit aber für alle Altersgruppen sicher zu stellen, muss die Prophylaxe bereits bei Kleinkindern beginnen. Dazu passend wurde über Therapie und Prophylaxe des Milchgebisses sowie – besonders aktuell durch die Ausweitung des Leistungsspektrums der Sozialversicherung – über die kieferorthopädische Frühbehandlung referiert.

Dementsprechend wurden die Inhalte der vergangenen wissenschaftlichen Tagungen thematisch ausgeweitet. Darüber hinaus wurde in einem Vortrag ein Thema angesprochen, das für Spezialisten besonders sensibel sein kann: Altersbestimmung von Migranten anhand des Weisheitszahn-Status.

Referiert wurde im Einzelnen über folgende Themen

  • Kariesprävention und -therapie im Kontext zu anderen chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter
  • Zahnbehandlung und gerinnungshemmende Substanzen – was ist zu beachten?
  • Osteotomien am Viscero- und Neurocranium
  • Totalprothese: Fluch oder Segen?
  • Lachgas in der Zahnheilkunde aus der Sicht des Anästhesisten
  • Altersbestimmung im Asylwesen anhand des Zahnstatus
  • KFO Frühbehandlungen
  • Milchzähne? Die fallen sowieso aus! Welchen Sinn hat Milchzahnsanierung? Das Ineinandergreifen von Therapie und Prophylaxe

up

Karies und Kariesprävention im Kontext zu anderen chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

 

Zahnkaries ist die häufigste Erkrankung im Gesichts- und Mundbereich, berichtet Prof. Dr.in Annerose Borutta, emeritierte Direktorin am Zentrum für Kinderzahn-, Mund- und Kieferheilkunde des Universitätsklinikum Jena. Weltweit sind zwischen 60 und 90 Prozent der Kinder davon betroffen. Zugleich ist sie auch die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Als multifaktoriell bedingte Infektionserkrankung entsteht sie durch das zeitliche Zusammenspiel von „Zahn“ (Wirt) „Mikroorganismen“ (Biofilm) und „Substrat“ (vergärbare Kohlenhydrate). Durch Einbeziehung der Fluoride konnten in den letzten Jahrzehnten – basierend auf dem Ätiologiekonzept – effektive Präventionsmaßnahmen und -programme entwickelt werden, die sich auf Fluoridierung, Zahn- und Mundhygiene und Ernährungslenkung stützen.

 

Trotz dieser positiven Entwicklung ergibt sich die neue epidemiologische Beobachtung, dass die Karies in ihrer Verbreitung stark polarisiert ist: Etwa 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen eines Jahrganges scheinen von den Präventionsangeboten wenig oder nicht zu profitieren. Sie haben ein erhöhtes Kariesrisiko und vereinen etwa 80 Prozent des gesamten Kariesaufkommens. Auch wenn die Ursachen dieses Phänomens bis heute nicht abschließend geklärt sind, ist Tatsache, dass ausschließlich mundgesundheitsorientierte Prophylaxeprogramme an ihre Grenze stoßen beziehungsweise überarbeitet werden müssen. Durch die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten und einer bis dahin nicht gekannten Polarisierung in Arm und Reich – mit einhergehender Ungleichheit der Gesundheit – werden neue Ansätze für die Gesundheitsförderung und gesundheitliche Überwachung benötigt. Karies als rein biologischen Prozess anzusehen ist laut Borutta irreführend und restriktiv, weil sie sich auch abhängig von Sozialstatus und Gesundheitskompetenz entwickelt.

 

Bereits 2003 wurde im „World Oral Health Report“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen, die Förderung der Mundgesundheit in allgemeine Gesundheitskonzepte einzubetten. Basierend auf der Erkenntnis, dass – insbesondere in den Industrieländern – die chronischen nicht übertragbaren Erkrankungen (NCD) in ihrer Verbreitung und Bedeutung drastisch zugenommen haben, wurden die gleichen Mechanismen auch bei der Entstehung von Munderkrankungen festgemacht. Sie gelten daher auch als chronische nicht übertragbare Erkrankungen. Die Ursache liegt in einem veränderten Lebensstil mit veränderten Ernährungsgewohnheiten, mangelnder Bewegung, Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum. Dadurch treten bereits im Kindesalter immer häufiger Fettleibigkeit, Adipositas, Herz- und Kreislaufprobleme usw. auf, die sich fortschreitend zu manifesten Erkrankungen etablieren und Lebensqualität und -erwartung einschränken – vor allem in sozial und ökonomisch benachteiligten Familien. Borutta fordert dementsprechend eine neue Sichtweise: Die Sicht des Zahnarztes muss sich vom reinen „Mechaniker“ in Richtung Sozialmediziner entwickeln, der „Health in all Policies“ im Auge behält.

Auch die WHO hat das Konzept „Common risk factor approach“ (gemeinsamer Risikoansatz) empfohlen, das auf Ernährungskontrolle, körperliche Aktivität und Gesundheit abstellt. Eigene Untersuchungen verorten das Kariesrisiko und die frühkindliche Karies bei Ernährungsfehlern und gesundheitlicher und sozialer Ungleichheit. Deshalb empfiehlt Borutta bei der Konzeption von Präventionsprogrammen in Kindertagesstätten und Schulen künftig den 2013 von der WHO verabschiedeten „Global action plan for the prevention and control of NCDs 2013–2020“ zu favorisieren.

up

Zahnbehandlung und gerinnungshemmende Substanzen – was ist zu beachten?

 

Zur medikamentösen Gerinnungshemmung wurden in der oralen Dauertherapie bisher Vitamin-K-Antagonisten (Marcoumar®, Sintrom®) eingesetzt. Weil die Steuerung dieser Präparate aufwendig und durch mögliche Interaktionen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln komplex ist, wurden „Neue Orale Antikoagulanzien“ (NOAK) entwickelt, berichtete Prim. Dr. Clemens Steinwender, Vorstand der Interne 1 – Kardiologie am AKh Linz. In den vergangenen Jahren sind drei NOAK auf den Markt gekommen, deren Wirkung auf der gezielten Hemmung einzelner Gerinnungsfaktoren beruht: Dabigatran (Pradaxa®), Rivaroxaban (Xarelto®) und Apixaban (Eliquis®). Sie sind bereits für verschiedene Indikationen, vor allem zur Insult-Prophylaxe bei Vorhofflimmern, zugelassen.

Vorteile dieser NOAK sind die konstante Wirkung ohne Notwendigkeit zur Gerinnungsüberwachung und ihre kurze Halbwertszeit. Nachteil ist vor allem das Fehlen eines speziellen Antidots bei Blutungskomplikationen.

In der zahnärztlichen Chirurgie muss Patienten unter gerinnungshemmender Therapie besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wird ein akuter Eingriff erforderlich, müssen die Risiken einer vorübergehenden Unterbrechung der Einnahme dieser gerinnungshemmenden Substanzen und eines erhöhten Blutungsrisikos gegeneinander abgewogen werden.

 

Zur Nachbehandlung bei Stentimplantation in ein Herzkranzgefäß werden als Thrombozytenaggregations-Hemmer neben Aspirin auch Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor verwendet. Die Dauer einer kombinierten Gabe von Aspirin mit einer dieser drei Substanzen hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Während einer solchen „dualen“ Therapie ist das Blutungsrisiko erhöht und eine subtile Blutstillung unabdingbar. Das Pausieren dieser Therapie soll nur in Abgleich mit den Empfehlungen des aktuellsten kardiologischen Befundes erfolgen. Nach Sistierung einer etwaigen Blutung ist die Einnahme der verschriebenen Medikamente fortzusetzen.

  

up

Osteotomien am Viscero- und Neurocranium

 

Der Vortrag von Prim. DDr. Michael Malek, Mund-, Kiefer- und plastische Gesichts-Chirurg am AKh Linz, beschäftigte sich Craniosynostosen – vorzeitigen Verknöcherungen einer oder mehrerer Schädelnähte. Dadurch werden ungewöhnliche Schädelformen begünstigt, weil ein kompensatorisches Wachstum nicht-verknöcherter Areale auftritt. In bestimmten Fällen ist eine Operation angezeigt, um dem Gehirn des Kleinkinds den nötigen Platz zum Wachstum zu schaffen. Geschieht dies nicht, ist mit schweren Behinderungen zu rechnen.

Die Korrektur geschieht durch eine Osteotomie, einer gezielte Durchtrennung der betroffen Knochenplatten und deren Fixierung in der gewünschten Position.

 

Für eine Osteotomie am Gehirnschädel ergibt sich die Indikation aus der prämaturen Verknöcherung einer oder mehrerer Schädelnähte. Sie bewirken Wachstumsstörungen des Schädels (Scaphocephalus, Trigonocephalus, Plagiocephalus, Turicephalus). Die folgende Erhöhung des Hirndrucks ergibt neurologische Defizite, die als präventive Maßnahme Umstellungsosteotomien notwendig machen. Mit modernen Techniken sind diese Eingriffe risikoarm geworden.

 

Für Osteotomien am Mittelgesicht ergeben sich Indikationen aus unzureichender Knochenbildung – und somit Verkleinerung – des Mittelgesichts (Mittelgesichtshypoplasie), der Retromaxillie (Oberkiefer liegt zu weit hinten), einer Asymmetrie des Mittelgesichtes sowie durch vergrößerten Augenabstand (Hypertelorismus). Durch unterschiedliche operative Zugänge ergeben sich Schnittführungen ohne sichtbare Narben. Der optimale Operationszeitpunkt ist generell am Ende des skelettalen Wachstums, sollten jedoch massive Atemwegs- und Augenprobleme bestehen, kann ein früherer Eingriff notwendig werden. Hier kommt dann bevorzugt die Dehnung der Knochenplatten (Osteodistraktion) zur Anwendung.

 

Die Planung der Osteomien und der Verlagerung von skelettalen Anteilen ist entscheidend, erklärte der Spezialist. Die virtuelle Planung und deren navigierte operative Umsetzung eröffnen neue Perspektiven. Die Planung umfasst auch präoperative Therapien wie die prächirurgische Koordinierung von Zahnbögen durch orthodontische Maßnahmen. Zunehmend gewinnen aber auch "surgery first" Konzepte, bei denen zunächst der chirurgische Eingriff und dann erst die kieferorthopädische Behandlung erfolgt, an Bedeutung.

  

up

Totalprothese: Fluch oder Segen?

 

In seinem Beitrag ging Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl von der Klinischen Abteilung für Zahnersatzkunde der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Graz auf die aktuellen Entwicklungen der Prothetik ein.

Zunehmend wird der abnehmbare Zahnersatz in Form von Teil- oder Totalprothesen von festsitzendem Zahnersatz abgelöst: Oftmals wird dem Wunsch des Patienten nach implantat-getragener Versorgungen entsprochen, wobei mittlerweile keine Altersgrenzen mehr definiert sind.

Gegenläufig dazu werden aber auch mehr Senioren mit immer mehr eigenen Zähnen hochaltrig. Arnetzl berichtete von eigenen Erhebungen: So lag nach eigenen Untersuchungen der Altersdurchschnitt im Jahr 1993 bei 73 Jahren, 2008 bereits bei 85 Jahren. Besaßen 1993 nur 27 Prozent der Befragten eigene Zähne, waren es 2008 schon 47 Prozent. 64 Prozent der Hochbetagten führten 1993 die Mundhygiene noch selbst durch – was über die Qualität der Mundhygiene allerdings nichts aussagt, so Arnetzl.

Der Zahnarzt, aber auch Pflegeinstitutionen werden dadurch mit neuen Situationen konfrontiert: Es ergeben sich zunehmende Karieshäufigkeit im Alter, Pulpitis, Gingivitis, Parodontitis, vermehrte Schmerzsituationen und Ähnliches. Hinzu kommt, dass es im hochbetagten Alter sowohl zu einem geistigen (Demenz) als auch motorischem (nach Insulten) Manko kommen kann, die sich negativ auf die Fähigkeit zur Mundhygiene auswirken können.

Arnetzl stellte die Frage, ob nun im fortgeschrittenen Alter unter Bedachtnahme einer eventuell fortgeschrittenen Demenz oder eines eingetretenen Schlaganfalles eigene Zähne oder Totalprothesen als Fluch oder Segen zu werten sind.

Nachdem Alter laut Arnetzl keine Krankheit sondern „die Summe, der über die Jahre angehäuften Defizite“ ist, fordert der Spezialist die Behandlung von alten Menschen unter der Berücksichtigung ihrer reduzierten Adaptionsfähigkeit. Wert zu legen wäre demnach auf Schmerzfreiheit des Patienten und der Verhinderung von großen Veränderungen – dadurch besteht die Gefahr, dass auf alte Muster – in diesem Fall die alte Prothese – zurückgegriffen wird.

Als abschließendes, aber zentrales Anliegen forderte Arnetzl, dass Mundhygiene zwingend ins Pflegeprotokoll der Alten- und Pflegeheimen aufgenommen wird und dass vor Eintritt in ein Heim eine zahnärztliche Untersuchung verpflichtend wird. Chronische Parodontitis entspricht seiner Expertise nach einer handtellergroßen Dekubitusfläche und hat dieselben allgemeinmedizinischen Auswirkungen. Dementsprechend fordert Arnetzl, die Mundgesundheit als Qualitätsmarker anzuerkennen.

  

up

Lachgas in der Zahnheilkunde aus der Sicht des Anästhesisten

 

Prof. Dr. Jörg Weimann, D.E.A.A., Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und interdisziplinäre Intensivmedizin des Sankt Gertrauden-Krankenhaus, Berlin, beleuchtete in seinem Referat die Bedeutung von Lachgas als Analgetikum. Seit der Zahnarzt Horace Wells 1844 dessen medizinische Bedeutung erkannte, hat Lachgas eine wechselhafte Geschichte durchlebt. Im Rahmen des Siegeszuges der Äthernarkose in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand es weltweite Verbreitung, an der sich bis heute nichts geändert hat. Lachgas in der Zahnbehandlung – vor allem von Kindern – ist in Europa stark verbreitet. Vorreiter in der Verwendung sind die USA, in Europa Großbritannien und die Niederlande.

Das Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil von Lachgas (auch: N2O, Distickstoffmonoxid, Stickoxydul) ist daher seit langem gut bekannt und erforscht: Das farb-, geschmack- und geruchlose Gas wird über die Lungen rasch aufgenommen und auch unverändert wieder abgeatmet. Die maximale Wirkung wird innerhalb weniger Minuten erreicht, nach dem Abatmen ist sie nach maximal zwei bis drei Minuten verschwunden.

In niedrigeren Dosierungen hat Lachgas vor allem eine angstlösende und beruhigende Wirkung, erst in höheren Dosen bis 50 Prozent (gemischt mit Sauerstoff) beziehungsweise während Narkosen bis 70 Prozent kommen auch analgetische Effekte zum Tragen.

Die klinische Anwendung in der Zahnmedizin folgt dem Konzept der „titrierbaren inhalativen Sedierung“: Lachgas wird nach den Bedürfnissen der Patienten individuell titriert (maximal 50 Prozent – niedrigste wirksame Sättigung) über eine Nasenmaske eingeatmet, wobei die Beruhigung (Anxiolyse) im Vordergrund steht. Ziel ist eine für Patient (und Behandler) entspannte Behandlung; zur Schmerzausschaltung muss mit Lokal- oder Leitungsanästhesieverfahren kombiniert werden, da die Wirkstärke von Lachgas allein für eine Narkose nicht ausreicht.

Große Studien haben die Sicherheit von Lachgas sowohl zur Analgosedierung (beruhigende Schmerzausschaltung) wie auch während Narkosen bewiesen. An Nebenwirkungen können Übelkeit und Erbrechen sowie Benommenheit und Kribbelparästhesien (kribbelnde Missempfindung) auftreten. Tiefere Sedierungsstadien, die mit Bewusstseinsverlust und Atemdepression einhergehen können, werden meist nur dann beobachtet, wenn Lachgas mit anderen zentral dämpfenden Medikamenten kombiniert wird (z.B. Bezodiazepinen oder Opiaten).

Lachgas gehört neben CO2 und Methan zu den sogenannten Treibhausgasen. Medizinisches Lachgas hat jedoch nur einen Anteil von weniger als 0,03 Prozent an den jährlichen weltweiten anthropogenen Treibhausgas-Emissionen. Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Lachgas und der Problematik des „Ozon-Lochs“.

 

Die Interaktion von Lachgas mit Vitamin B12 (Kobalamin) ist seit den 1950iger Jahren bekannt. Daher gilt heute, dass eine Lachgasanwendung auf sechs Stunden begrenzt werden soll, ein nicht-behandelter Vitamin B12-Mangel gilt als Kontraindikation.

Auch heute erscheinen jedes Jahr einige Fallberichte von meist jungen Menschen, die (teils irreversible) neurologische Defizite nach Abusus von Lachgas als Partydroge erleiden. Auch Todesfälle werden beschrieben, wobei diese am ehesten durch die Kombination mit anderen Drogen zustande kommen, sowie durch einen Sauerstoffmangel, da hier meist Lachgas aus Luftballons pur ohne Sauerstoffbeimengung inhaliert wird.

 

Insgesamt kann heute die Anwendung von Lachgas in der Kinder- wie auch Erwachsenenzahnmedizin als sicher und hilfreich angesehen werden. Dies wurde so unter anderem auch auf europäischer Ebene vom Council of European Dentists (CED) und der European Society of Anaesthesiology (ESA) beschrieben.

Allerdings ist zu beachten, dass die Anwendung durch Zahnärzte an eine strukturierte Ausbildung der Zahnmediziner und deren Assistenzpersonal gebunden ist, und zwar sowohl spezifisch für die Applikation von Lachgas wie auch generell für die Basis der Notfallversorgung.

  

up

Altersbestimmung im Asylwesen anhand des Zahnstatus

 

Ein Thema, das Europa auch in Zukunft beschäftigen wird, griff Dr. Ernst Rudolf, Allgemeinmediziner und allgemein und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für asylrechtliche medizinische Begutachtung in Österreich, auf. Die umfangreichen grenzüberschreitenden Wanderungsbewegungen der vergangenen Jahre brachte im EU-Raum einen beträchtlichen Anstieg an zivil- und strafrechtlichen Verfahren gegen Personen undokumentierter Identität und damit fraglichen Alters mit sich. Weil die entsprechenden Behörden über keine Möglichkeiten verfügen, die Identität zweifelsfrei festzustellen, bezeichnet Rudolf die Österreichischen Asylverfahren als „Glaubhaftigkeitsverfahren“.

Vor diesem Hintergrund entstanden ab 1997 rechtliche und wissenschaftliche Rahmenbedingungen der forensischen Altersdiagnostik. Einerseits wurden sowohl im Straf- wie auch im Asylrecht die Voraussetzungen dafür geschaffen, bei vorgebrachter, aber verfahrensrechtlich bezweifelter Minderjährigkeit den Sachverständigenbeweis zur Altersunterscheidung einer Person heranzuziehen. Zum anderen führten umfassende Forschungen zu einem altersdiagnostischen medizinischen Standard, der unter Beachtung bestimmter Ausschlusskriterien neben der Beurteilung des „Skelettalters“ auch eine Einschätzung der „Weisheitszähne“ verlangt.

Der Gutachter wies darauf hin, dass minderjährigen Asylanten mehr Rechte zukommen als Volljährigen und in Österreich der „Volljährigkeitsvorwurf vermieden wird“.

  

up

KFO Frühbehandlungen

 

DDr. Silvia M. Silli, niedergelassene Kieferorthopädin in Wien und Mitglied des European Board of Orthodontists, wies in ihrem Beitrag darauf hin, dass kieferorthopädische Behandlungen, von begründeten Ausnahmefällen abgesehen, nicht vor der späten Wechselgebissphase begonnen werden sollten. Frühbehandlungen im Milch- und frühen Wechselgebiss (Interzeptiv-Behandlungen) sind nur dann sinnvoll und empfohlen, wenn durch ihr Unterlassen eine deutliche Verschlechterung der Zahn- bzw. Kieferfehlstellung eintreten würde. Für die Frühbehandlung verortet sie einen optimalen Behandlungsbeginn zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr, für die Hauptbehandlung zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr.

Das Erkennen pathologischer Entwicklungen setzt natürlich umfassende Kenntnisse der Physiologie des Schädel-, Gesichts- und Kieferwachstums sowie des Zahnwechsels voraus. Die Referentin erläuterte anhand der transversalen, vertikalen und sagittalen Wachstumsstadien sowie anhand klinischer Beispiele Sinn und Unsinn von Frühbehandlungen.

Der Verband Österreichischer Kieferorthopäden empfiehlt zur Überwachung der unterschiedlichen Stadien des Zahnwechsels und der Kieferentwicklung kieferorthopädische Kontrolluntersuchungen im vierten, achten und zwölften Lebensjahr (Milchgebiss – frühes Wechselgebiss – spätes Wechselgebiss bzw. bleibendes Gebiss). Da Erstuntersuchungen in Österreich meist in der Hauszahnarztpraxis erfolgen, ging Silli in ihrem Vortrag auch darauf ein, welche klinischen Befunde im Milch- und frühen Wechselgebiss eine Überweisung in die Spezialpraxis nach sich ziehen sollten.

Die Spezialistin sprach sich für die Frühbehandlung kieferorthopädischer Probleme aus, rät aber die folgenden Punkte abzuwägen:

  • Risiko vs. Nutzen
  • Beachtung der Indikationen / Grenzen der Behandlung
  • Differentialdiagnostik – es gibt keine „Kochrezepte“
  • Effizienz vs. Wirtschaftlichkeit
  • Compliance der Patienten / Eltern
  • Dokumentation
  • Fachliche Expertise vs. Drängen der Eltern – keinesfalls nachgeben

  

up

Milchzähne? Die fallen sowieso aus! Welchen Sinn hat Milchzahnsanierung? Das Ineinandergreifen von Therapie und Prophylaxe

 

Dr. Petra Drabo, niedergelassene Zahnärztin in Wien und Assistenzärztin an der 1. Abteilung der Universitätszahnklinik Wien mit Schwerpunkt Kinderzahnheilkunde, berichtete aus ihrer Praxis mit Kleinkindern.

Kranke Milchzähne führen – genauso wie bleibende Zähne – zu Schmerzen, Abszessen, Fistelbildungen sowie ästhetischen und funktionellen Beeinträchtigungen. Daraus resultieren gesamtgesundheitliche und psychische Folgebelastungen, die eine klare medizinische Notwendigkeit ergeben, diese Herde auch entsprechend zu sanieren. Auch Drabo betonte, dass 20 Prozent der Wiener Kinder 80 Prozent der Karies auf sich vereinen. 50 Prozent der Wiener Kinder im Kindergartenalter weisen Karies im Milchgebiss auf, nur ein Prozent ist ausreichend saniert.

Die adäquate Therapie von Kindern benötigt meist mehrere Sitzungen, in denen Schritt für Schritt aufbauend, unter bestmöglicher Schmerzausschaltung, die Sanierung durchgeführt wird. Dadurch bietet sich die große Chance, Schritt für Schritt auch Ernährungs- und vor allem Trink- und Mundhygienegewohnheiten mit den Eltern immer wieder zu besprechen und zu üben.

Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind, Eltern und Behandler kann langsam wachsen – sie ist die beste Grundlage für die Motivation zu einer Verhaltensänderung (Trink- und Essgewohnheiten) im Alltag, von der meist die ganze Familie profitiert.

  

up

Resümee

 

Die lebendigen Referate zu einem breit gefächerten Themenbereich betrafen die tägliche Praxis aller Teilnehmer - Borutta, Arnetzl, Silli und Drabo vermittelten dabei unterhaltsam und sehr gut nachvollziehbar eigene Erfahrungen. Malek bekräftigte den Expertenstatus des AKh Linz im Bereich der Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie. Die gespannte Aufmerksamkeit während der fächerübergreifenden Referate von Steinwender und Weimann belegten den Praxisbezug der Veranstaltung. Das hochaktuelle Referat von Rudolf, der seine Betroffenheit kaum verbergen konnte, weckte die Sensibilität der Zuhörer gegenüber einem Thema, das Europa noch länger beschäftigen wird. Nicht zuletzt deshalb konnte das Symposium als großer Erfolg gewertet werden.

 

Mag. Christian Boukal

Mag.a Elke Rechberger

up

Fotos



6. Zahnsymposium Mag.a Elke Rechberger - GZA, Prim. Katrin Pertold - GZA, Ress. Dir. Karin Rumpelsberger, Erich Salzer - Leiter GZA

Mag.a Elke Rechberger - GZA, Prim. Katrin Pertold - GZA, Ress. Dir. Karin Rumpelsberger, Erich Salzer - Leiter GZA

6. Zahnsymposium Prof. Dr. Jörg Weimann, DDr.in Silvia M. Silli, Prim. Katrin Pertold, Prof.in DDr.in h.c. Annerose Borutta, Dr.in Petra Drabo, Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl,


Prof. Dr. Jörg Weimann, DDr.in Silvia M. Silli, Prim. Katrin Pertold, Prof.in DDr.in h.c. Annerose Borutta, Dr.in Petra Drabo, Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl,

6. Zahnsymposium Prim Katrin Pertold, Prim Dr. Clemens Steinwender, Prim DDR. Michael Malek

Prim Katrin Pertold, Prim Dr. Clemens Steinwender, Prim DDR. Michael Malek

6. Zahnsymposium Prim. Priv.-Doz. Dr. Clemens Steinwender, Vorstand der Interne 1 – Kardiologie am AKh Linz

Prim. Priv.-Doz. Dr. Clemens Steinwender, Vorstand der Interne 1 – Kardiologie am AKh Linz 6. Zahnsymposium  DDr. Ernst RUDOLF

DDr. Ernst RUDOLF

6. Zahnsymposium Foyer














Foyer

6. Zahnsymposium Publikum





Publikum

6. Zahnsymposium


Publikum












Zuletzt aktualisiert am 30. Oktober 2015