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Vorsicht Wechselwirkung


Initiative Patientensicherheit


Medikamente: Weniger kann mehr sein

Zu viele und nicht passende Medikamente gleichzeitig einzunehmen, kann gefährliche Folgen nach sich ziehen. Die OÖGKK hat deswegen bereits im Jahr 2010 in Oberösterreich eine Initiative zur Patientensicherheit gestartet. Nun informiert der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVB) mit der groß angelegten Kampagne „Vorsicht Wechselwirkung!“ österreichweit Patienten über die Folgen eines Pillenmix. Die OÖGKK unterstützt diese Kampagne und versendet Informationsmaterial an niedergelassene Ärzte und Spitäler.

 

„Medikamente sind ein wichtiger Bestandteil medizinischer Therapien. Trotzdem gilt auch hier: Allzu viel ist ungesund. Besonders im Alter und bei Vorliegen mehrerer Erkrankungen kann die Einnahme zu vieler Medikamente die Gesundheit gefährden“, warnt der Obmann der OÖGKK, Albert Maringer.

 

Definition

Mit zunehmendem Alter steigt die Anzahl der behandlungspflichtigen Erkrankungen: Hand in Hand damit geht eine hohe Zahl von verordneten Medikamenten. 6,6 Prozent der Versicherten der OÖGKK erhalten pro Quartal mehr als fünf Wirkstoffe. Ab dieser Menge spricht die WHO von „Polypharmakotherapie“ – kurz Polypharmazie. Derzeit erhält gut ein Fünftel aller Österreicher über 60 Jahre – etwa 500.000 Menschen – fünf oder mehr verschiedene Medikamente, berichtet der HVB.

 

Gründe

Im Alter nehmen die Erkrankungen häufig zu und Ärzte aus unterschiedlichen Fach­richtungen werden aufgesucht. Das führt zu einer steigenden Zahl verschriebener Medikamente. Verbunden mit einem mangelnden Informationsfluss, liegt den ver­schreibenden Ärzten mitunter keine vollständige Information zur bestehenden Medikation vor. Das kann sogar zu Doppelverordnungen des gleichen Wirkstoffes führen. Dazu kommt, dass Patienten teilweise nicht bereit oder in der Lage sind, ihre gesamte Medikation darzulegen.

Vielen Patienten ist darüber hinaus nicht bewusst, dass auch Over-the-counter-Präparate (frei in der Apotheke verkäufliche Produkte), wie Schmerz-, Magen-, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Produkte, zur Polypharmazie beitragen können. Vor allem pflanzliche Stoffe – etwa Johanniskraut- oder Ginkopräparate – können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hervorrufen. Häufig dominiert die Meinung, es sei ja „nur ein Naturheilmittel“.

Unerwünschte Nebenwirkungen durch mehrere Medikamente sind Medizinern bekannt – doch oft scheitert das Auffinden der Ursache an der Kommunikation. Denn nicht immer berichten Patienten über alles, was sie einnehmen. Vor allem von selbst gekauften Arzneien erfahren behandelnde Ärzte oft gar nichts. Eine Kundebefragung der OÖGKK aus 2009 ergab, dass nur rund zwei Drittel der Befragten ihrem Hausarzt über alle Medikamente Bescheid geben.

 

Folgen der Polypharmazie

Bei Einnahme mehrerer verschiedener Medikamente, können nicht nur Nebenwirkungen, sondern auch unerwünschte Wechselwirkungen zwischen den Wirkstoffen entstehen. Nicht selten treten neue Beschwerden auf, die Folge dieser Wechselwirkungen sind – und erneut mit einem Medikament behandelt werden. Eine Studie aus Salzburg hat gezeigt, dass zehn Prozent der stationären Aufnahmen bei älteren internistischen Patienten auf Medikamentenwechsel- und Nebenwirkungen zurückzuführen sind.

„Ohne Medikamente ist eine medizinische Grundversorgung nicht denkbar. Das Bewusstsein, dass sich die Wirkstoffe der eingenommenen Medikamente gegenseitig – auch negativ – beeinflussen können, kann jedoch noch geschärft werden. Besonders Patienten, die täglich mehr als fünf Wirkstoffe einnehmen müssen, sollten sich der Möglichkeit von unerwünschten Medikamenten-Wechselwirkungen bewusst sein und ihre behandelnden Ärzte über alle eingenommen Medikamente informieren“, hält OÖGKK-Direktorin Andrea Wesenauer fest.

 

Gleichzeitig ist bekannt, dass mit zunehmender Anzahl einzunehmender Medikamente die Therapietreue der Patienten sinkt. Das heißt, dass der Patient seine Arzneien nicht mehr korrekt einnimmt: Je höher die Anzahl der verordneten Arzneien, umso größer die Fehlerquote bei der Einnahme.

 

„Einen Überblick über alle eingenommenen Medikamente zu bewahren, steht bei der Behandlung multimorbider, chronisch kranker Menschen an oberster Stelle. Wir unterstützen deshalb das Ziel der Kampagne ‚Vorsicht Wechselwirkung‘, die Selbstverantwortung bei Patienten zu wecken, ihren Arzt auch tatsächlich über alle Medikamente zu informieren, die eingenommen werden. Wechselwirkungen, die Medikamente zueinander entwickeln, kann der Hausarzt nur in den Griff bekommen, wenn er auch davon weiß“, erklärt MR Dr. Wolfgang Ziegler, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für OÖ.

 

Die Kampagne „Vorsicht Wechselwirkung!“

Die österreichische Sozialversicherung möchte deshalb mit der Informationskampagne zum Nachdenken anregen: Die Versicherten sollen motiviert werden, sich mit ihrer Medikation genauer auseinanderzusetzen. Den ärztlichen Partnerinnen und Partnern gibt die Kampagne unterstützende Werkzeuge an die Hand, die die Reduktionsmöglichkeiten bei Polypharmazie vereinfachen.

 

Die Unterlagen wurden gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie und mit der Österreichischen Pharmakologischen Gesellschaft erarbeitet:

  • Arbeitsbehelf für Ärztinnen und Ärzte: Reduktion der Polypharmazie
  • Folder für Patientinnen und Patienten (zum Auflegen in der Praxis)
  • „Rezept“ zur Reduktion der Polypharmazie für Patientinnen und Patienten

 

Gemeinsames Ziel der Akteure ist nicht, Medikamentenkosten zu senken, sondern die Therapiequalität zu verbessern. Das soll durch Sensibilisierung der Patienten und der Ärzte gegenüber den Gefahren der Polypharmazie erreicht werden.

 

Die zentrale Rolle bei der Reduktion der Polypharmazie haben der Hausarzt oder die Hausärztin. Sie kennen ihre Patienten am umfassendsten und wissen am besten, ob Medikamente abgesetzt oder angepasst dosiert werden können. Für die Patienten ist es vor allem wichtig, mit ihrem Arzt zu sprechen.

 

Die zentralen Fragen, die dem Arzt immer gestellt werden sollen, sind:

  • Wofür brauche ich das (neue) Medikament?
  • Gibt es außer Medikamenten andere Möglichkeiten, meine Krankheit zu behandeln?
  • „Verträgt“ sich das Medikament mit den anderen Medikamenten, die ich einnehme? Und passt es auch zu den rezeptfreien oder pflanzlichen Mitteln aus der Apotheke, die ich einnehme?

 

Kampagnen-Tipps für Patienten

Die Kampagne „Vorsicht Wechselwirkung!“ gibt Patienten folgende Ratschläge:

  • Halten Sie eine Medikamentenliste mit allen Mitteln, die Sie einnehmen, stets aktuell (auch rezeptfrei in der Apotheke gekaufte).
  • Informieren Sie Ihren Hausarzt über alle Befunde und Verschreibungen (z.B. nach Krankenhausaufenthalt oder dem Besuch bei einem Facharzt).
  • Fragen Sie auch in der Apotheke bei pflanzlichen Wirkstoffen, Nahrungsergänzungs­mitteln und rezeptfreien Medikamenten nach, ob diese zu Ihren anderen Medikamenten passen.
  • Achten Sie darauf, die Medikamente so einzunehmen, wie Ihr Arzt sie verordnet hat (z.B. Tageszeit, Abstand zu den Mahlzeiten).
  • Verändern Sie die Menge und Häufigkeit der verordneten Medikamente niemals selber – sprechen Sie darüber mit Ihrem Hausarzt.

 

Mit der Kampagne unterstützt die OÖGKK die Intentionen des Hauptverbands, Schäden durch zu viele eingenommen Medikamente oder unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden. Polypharmazie kann also die Qualität der Versorgung massiv beeinträchtigen. Verwirrtheit oder Gleichgewichtsstörungen haben zum Beispiel oft Wechselwirkungen als Ursache – und müssen nicht als neue Krankheit medikamentös behandelt werden.

 

Der Vorläufer der nun anlaufenden Kampagne – die „Initiative Patientensicherheit“ – wurde von einem breiten Unterstützerkomitee aus Politik, Medizin und Seniorenorganisationen gefördert. Infomaterialien können noch laufend unter www.ooegkk.at > Initiative Patientensicherheit angefordert werden. Für die Informationskampagne, die das gesamte Jahr 2010 in den oberösterreichischen Medien und Seniorenzeitungen lief, erhielt die OÖGKK im Jahr 2012 den Gesundheitspreis der Stadt Linz in der Kategorie „Gesundheitseinrichtungen/-organisationen (außerhalb der Krankenanstalten)“.

    


Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015