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4. Wissenschaftliche Tagung "Zahnheilkunde von 0 - 100"


Zahnärztliches Symposium „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“

4. Wissenschaftliche Tagung der Zahnambulatorien der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Oberösterreich (ÖGZMK OÖ) spannt weiten Bogen.

Ausgehend von der Veranstaltungsreihe in den vergangen drei Jahren, die sich mit Standards in der Kinderzahnheilkunde beschäftigte, spannte das diesjährige Symposium einen weiten Bogen: „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“. Mit über 150 Teilnehmer, die aus ganz Österreich und Deutschland am 8. Oktober 2011 dafür in das Medizinische Ausbildungszentrum des AKh Linz kamen, erzielte die Veranstaltung einen neuen Besucherrekord. Die Begrüßung erfolgte durch den stellvertretenden Obmann der OÖGKK, Albert Maringer, die Ressortdirektorin Mag.a Karin Rumpelsberger, BHC, BA und die Linzer Gemeinderätin Mag.a Miriam Köck. Chefzahnarzt Prim. MR Dr. Josef Bukal eröffnete und moderierte dieses fachübergreifende Symposium.
Bei der Dentalausstellung im Foyer konnten sich die Besucher über neueste technische Produkte für die Zahnarztpraxis informieren.

Von Zahnprophylaxe für Kinder bis zur Gerostomatologie

Neben dem Themenkreis der Zahnpflege und -prophylaxe für Kinder und Jugendliche befasste sich das Symposium, dem Motto entsprechend, schwerpunktmäßig erstmals auch mit der Alterzahnheilkunde (Gerostomatologie). Der „Vorreiter“ der Zahnbehandlung im Alter, Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl aus Graz, stellte die Besonderheiten seines Fachs und das Curriculum Alterszahnheilkunde vor. Prim. Dr. Josef Mühlehner zeigte einige Eckpunkte des Projekt ZIA – Zahnmedizin im Alter und berichtete über die Erfahrungen und Herausforderunge bei der zahnmedizinischen Behandlung vor Ort in Alten- und Pflegeheimen in OÖ. Mit dem Projekt ZIA nimmt sich die OÖGKK der zahnmedizinischen Betreuung und Behandlung von teilmobilen und immobilen Bewohnern an, in dem Behandlungsteams mehrmals wöchentlich in Alten- und Pflegeheime in OÖ fahren.

Die ReferentInnen

  • Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl, Univ. Klinik ZMK Graz, Leiter des Curriculums Alterszahnheilkunde
  • Prim.a Dr.in Monika Felhofer, Ärztliche Leiterin KIDZ – Dentalzentrum für Kinder und Jugendliche der OÖGKK
  • Dr.in Isabell von Gymnich, Kinderzahnärztin aus der Gemeinschaftspraxis Dr.in von Gymnich und Dr.in Herbrig in Regensburg
  • Prim. MR Dr. Alois Lugstein, Ärztlicher Leiter Zahngesundheitszentrum Vöcklabruck der OÖGKK; Konsiliarfacharzt für MKG-Chirurgie des Landeskrankenhauses Vöcklabruck
  • Prim. Dr. Josef Mühlehner, Ärztlicher Leiter Zahngesundheitszentrum Voest der OÖGKK
  • Prim. Dr. Franz Paky, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Landeskrankenhauses Vöcklabruck
  • Dr. Robert Schoderböck, Ausbildner und Referent für Zahnärzte und Zahnärztliche Assistenten in Österreich und Deutschland


Die Inhalte

Die demografische Alterung der Menschen muss ein zunehmendes Angebot an Leistungen und Gütern zur Krankenbehandlung nach sich ziehen. Dementsprechend wurden die Inhalte der vergangenen wissenschaftlichen Tagungen thematisch weitergeführt. Das diesjährige Symposium spannte somit den Bogen von der Kinder- bis zur Alterszahnheilkunde.

  • Prophylaxe von Anfang an
  • Zahnmedizinische Prophylaxe im Alter
  • Curriculum Gerostomatologie Graz
  • Zahnmedizin im Alter (Projekt ZIA) / Alten- und Pflegeheimbetreuung
  • Zahnbehandlung mit Hypnose – Verhaltensführung bei interessanten Patienten
  • Therapeutische Standards des Dentalzentrums für Kinder und Jugendliche der OÖGKK (KIDZ) anhand eines Fallbeispiels
  • Orale Manifestationen von Allgemeinerkrankungen beim Kind
  • Mund-, kiefer- und gesichtschirurgische Probleme bei älteren Patienten

„Ein sauberer Zahn wird nicht krank“ – Prophylaxe von Anfang an

„In der heutigen Zeit ist es leicht möglich, durch zielgerichtete Prävention Kinder vor Karies zu schützen. Die Primärprophylaxe ist hierbei von größter Wichtigkeit, da die ‚Krankheit’ Karies verhütet werden kann, bevor sie entsteht“, so Dr.in Isabell von Gymnich. Der starke Kariesrückgang bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten – nicht zuletzt wegen des breiten Einsatzes von Fluorid – belegt dies eindrucksvoll. Gleichzeitig weist jedoch eine kleine Anzahl von Kleinkindern eine hohe dmft-Zahl (decayed missing filled teeth – kariöse, fehlende, gefüllte Zähne) auf. Von Gymnich bedauert, dass Eltern geringe oder falsche Information über präventive Maßnahmen hätten. Auch praktische Hilfestellungen und Handlungsanweisungen für Eltern wären angezeigt. Neben Information über Ernährung und die Gefahren der Nuckelflasche sollte von Zahnärzten auch über die Ansteckungswege, auf denen Karies übertragen werden kann, hingewiesen werden.

Zahnmedizinische Prophylaxe im Alter und Curriculum Gerostomatologie

„Auch im fortgeschrittenen Alter darf die Mundgesundheit nicht vernachlässigt werden. Schließlich bildet sie die Grundlage für das allgemeine Wohlbefinden und damit einhergehend für mehr Lebensqualität“, hielt Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl in seinem Vortrag fest. „Eigene Zähne zu erhalten ist besser als Zahnersatz. Auch in der Alterszahnheilkunde gehört daher Vorbeugung an erste Stelle.“ Das Thema wird zunehmend in den Vordergrund rücken, weil über 70-Jährige zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsschicht zählen. Wichtig für diese Gruppe ist nicht nur eine gründliche Mundhygiene zu Hause, sondern auch professionelle Zahnhygienebetreuung durch ein zahnärztliches Prophylaxeteam. Schmerzzustände, Verlust der Kaufunktion und damit Einschränkungen der Lebensqualität könnten damit im Alter vermieden werden.

Die Alterszahnmedizin stellt sich als äußerst komplexes Fachgebiet dar, vereint sie doch alle Teilgebiete der Zahnmedizin und ist zusätzlich auf enge Zusammenarbeit mit vielen Gebieten der Medizin angewiesen. Dementsprechend müssen Zahnärzte über ein umfangreiches Wissen des alten Menschen sowie der palliativen Zahnheilkunde verfügen.
Weiters sollten dem Gerostomatologen auch allgemeinmedizinische Parameter nicht fremd sein. Als Beispiele nannte Arnetzl die Physiologie der Alterungsprozesse und allgemeine körperliche Altersdefizite – Folgen von Malnutrition oder neurologische Problemstellungen. Dazu kämen oft Depression, Demenz, Parkinson, Pharmakologie im Alter, verlangsamter Metabolismus und Medikamentenwirkung sowie Xerostomie (Mundtrockenheit). Aus diesem Grunde wurde auf Initiative der ÖGZMK Steiermark das Curriculum Gerostomatologie ins Leben gerufen und seit 2006 erfolgreich durchgeführt.

Zahnheilkunde im Alter (Projekt ZIA) / Alten- und Pflegeheimbetreuung

Auch Prim. Dr. Josef Mühlehner nahm auf die demografische Entwicklung Bezug. „Der gerostomatologisch tätige Zahnarzt wird häufig mit Alterskrankheiten konfrontiert werden. Er sollte deshalb über Krankheiten wie Demenz, Depression, Parkinson, Polymorbidität, Polypharmazie, Malnutrition und deren Auswirkungen auf die Mündhöhle Bescheid wissen. Patienten mit diesen Erkrankungen benötigen eine andere Art der zahnmedizinischen Versorgung“, so der Experte.
Mühlehner legte Wert darauf, dass bei dieser Patientengruppe aufgrund bestehender Vorerkrankungen eine besonders verständnisvolle Betreuung und Zuwendung notwendig ist. Die zahnmedizinische Versorgung von teil- oder immobilen Patienten wäre schwierig, wenn die aktive Mitarbeit der Patienten gering ist. Für diese Patienten ist die Betreuung in gewohnter Umgebung hilfreich und weniger belastend. Deshalb hat die OÖGKK das Projekt „ZIA – Zahnmedizin im Alter“ ins Leben gerufen. Dabei sind derzeit acht Behandlungsteams in mehr als einem Drittel der Alten- und Pflegeheime in Oberösterreich im Einsatz. Die Behandlung vor Ort besteht vorwiegend in prothetischer Zahnbehandlung, aber auch in konservierend-chirurgischen Tätigkeiten – beispielsweise Begutachtung und Kontrolle, Druckstellenkorrektur, Unterfütterung. Zahnabdrücke werden im Heim angefertigt, die Neuanfertigung von Prothesen von einem Zahngesundheitszentrum übernommen, Reparaturen werden so weit wie möglich vor Ort durchgeführt. Künftig soll ein neues Angebot aufgebaut werden: Prophylaxe-Workshops in betreuten Heimen für das Pflegepersonal durch eine Prophylaxeassistentin der OÖGKK – zur Erzielung eines möglichst weit verbreiterten Multiplikatoreffektes.

Zahnbehandlung mit Hypnose – Verhaltensführung bei interessanten PatientInnen

Einer besonderen Methode bedient sich Dr. Robert Schoderböck, um kleinen Patienten die Angst zu nehmen: Er versetzt sie in Trance. Dabei bedient er sich einer kindgerechten, bildhaften Sprache, die die Phantasie der Kinder anregen und von der unangenehmen Behandlung im Mund ablenken soll.
Für die Behandlung werden die Kleinkinder in der Regel auf den Schoß eines Elternteils gebettet und beide gehen in Trance. Der Behandler versucht Geschichten zu erzählen, deren Vollendung er der Phantasie des Kindes überlässt. Dabei bedient sich Schoderböck auch absurder Geschichten über blaue Wolken und grünen Geschmack. Ziel ist, die Kinder mit dieser „Konfusionstechnik“ von der Zahnbehandlung abzulenken. Körperkontakt ist unbedingt notwendig.
Wenn Kinder, die dringend behandlungsbedürftig sind, nicht mit der hypnotischen Methode zu erreichen sind, müssen sie in Vollnarkose behandelt werden. Dies gilt besonders für Kinder, die geistig so schwer behindert sind, dass sie einer hypnotischen Induktion nicht folgen können. Der Zahnarzt sollte aber bis auf diese Fälle davon ausgehen, dass im Prinzip jedes Kind behandelbar ist. Statt von einem „ängstlichen“ Kind, sollte er von einem „vorsichtigen“ sprechen – und auch so denken. „Für den gewiefte Kinderhypnotiseure gibt es dann keine ‚schwierigen’ Kinder mehr, sondern nur noch ‚interessante’ oder ‚sehr interessante’“, so Schoderböck.


Therapeutische Standards des KIDZ anhand eines Fallbeispiels

„Das Dentalzentrum für Kinder und Jugendliche (KIDZ) als Gesundheitseinrichtung der OÖGKK ist aus der seit über 20 Jahren bestehenden Kinderabteilung des Zahngesundheitszentrum Linz hervorgegangen. Seit 2007 hat es sich als Kompetenzzentrum in der zahnmedizinischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen etabliert“, stellte Prim.a Dr.in Monika Felhofer fest.
Das Behandlungsspektrum umfasst zum einen die Prophylaxe zum anderen Therapie.
Kindergartengruppen werden im Rahmen der Veranstaltung „Besuch im KIDZ“ Mundhygienemaßnahmen sowie eine Zahnarztpraxis näher gebracht. „Das hat sich als Instrument im Angstabbau bewährt“, so Felhofer. Daneben werden wiederkehrende Zahnputzschulungen für Patienten und Begleitpersonen in Einzelsitzungen und Gruppenprophylaxe für Jugendliche angeboten.
Das therapeutische Angebot umfasst die konservierend-chirurgische Behandlung. In Kooperation mit der Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz kann die Therapie in Intubationsnarkose vorgenommen werden. Nach erfolgter Sanierung werden diese Patienten in ein Prophylaxeprogramm mit engmaschigem Recall aufgenommen. Zum Standard gehört die kieferorthopädische Begutachtung der Patienten und bei Bedarf kann eine funktionelle kieferorthopädische Behandlung angeboten werden.
Anhand eines Fallbeispiels wurde das therapeutische Konzept des KIDZ erläutert, um in der Folge eine soziale Integrierung des Kindes durch ein gesundes Gebiss zu ermöglichen.

Orale Manifestationen von Allgemeinerkrankungen beim Kind

Einen fachübergreifenden Ansatz lieferte der Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde Prim. Dr. Franz Paky. Er erkennt im kindlichen Mund- und Rachenraum die ersten Manifestationen von Erkrankungen und als „äußerst ergiebige Quelle der Diagnostik systemischer Erkrankungen. Mit etwas Übertreibung lässt sich die Aussage treffen, dass fast alle pädiatrischen Allgemeinerkrankungen entweder zu Beginn oder während ihres Verlaufes im Mund-Rachenbereich symptomatisch werden“, so Paky. Allerdings würden oft wesentlich aufwändigere Untersuchungen durchgeführt, um zu Diagnosen zu kommen, die schon bei der Erstinspektion gestellt werden könnten.
Dem Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wäre es möglich, als erster den Verdacht auf das Vorliegen einer bestimmten Allgemeinerkrankung zu lenken. Darüber hinaus kann der Zahnarzt bei Störungen, deren Diagnose bereits bekannt ist, in Kenntnis der spezifischen regionalen Veränderungen bei der Betreuung des Patienten wesentliche Beiträge leisten.
Die Krankheitsbilder reichen von Folgekrankheiten angeborener Fehlbildungen und Syndrome über angeborene Stoffwechselstörungen zu nutritiv und medikamentös-toxisch bedingten Störungen. Ein beträchtliches Segment entfällt auf infektiöse Erkrankungen. Im Bereich der Onkologie sind sowohl primäre Manifestationen von hämatologischen und retikuloendothelialen Tumoren relevant als auch Sekundärmanifestationen der onkologischen Therapie. Es versteht sich von selbst, dass sich Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes im Bereich des oberen Endes dieser Körperregion besonders häufig manifestieren, so Paky.


Probleme der zahnärztlichen Chirurgie und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie bei älteren Patienten

Veränderungen des Kausystems ergeben spezielle Probleme für die zahnärztliche und die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie im Alter, stellte Prim. MR Dr. Alois Lugstein fest. Darüber hinaus führen Stoffwechselerkrankungen, wie der Diabetes mellitus, zu einer Beeinträchtigung der Wundheilung schon bei banalen Eingriffen, Entzündungen sind schwer zu beherrschen. Selbst die Schmerztherapie führt im Alter zu Problemen: Bei Grunderkrankungen, die medikamentös therapiert werden, können verschiedene Schmerzmittel kontraindiziert sein, wenn sie zu unerwünschten Wechselwirkungen führen.
Besonders schwierig stellt sich die Behandlung von Tumorpatienten dar. Chemo- und Strahlentherapie beeinträchtigen auch Zähne und Kieferknochen sowie deren Heilung. Dabei nimmt die Tumorhäufigkeit im hohen Alter zu, was zu größeren Eingriffen mit all ihren multimorbiditätsbedingten Begleitumständen führt.
Dabei ist auch die Frage zwischen zuwartendem Verhalten und operativer Maßnahmen größeren Umfanges im Einzelfall zu klären. Diese seien wesentlich durch den Willen des Patienten mit seinen Erwartungen für die verbleibende Lebenszeit geprägt, hielt Lugstein fest.

Resümee

Die interessanten Referate zu diesem breit gefächerten Themenbereich berührten die tägliche Praxis aller Teilnehmer. Die lebhaften Diskussionen nach den Referaten und positiven Rückmeldungen der Zuhörer dokumentierten den Gesprächsbedarf auf diesen Gebieten und trugen zum großen Erfolg des Symposiums bei.

Mag. Christian Boukal
Mag.a Elke Rechberger


Zuletzt aktualisiert am 24. April 2018