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5. Wissenschaftliche Tagung „Zahnheilkunde von 0 – 100“


Zahnärztliches Symposium „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“

5. Wissenschaftliche Tagung der Zahngesundheitszentren der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Oberösterreich (ÖGZMK OÖ) spannt weiten Bogen und behandelt ein besonders heikles Thema.

Nach den großen Erfolgen der vergangen Jahre wurde die Veranstaltungsreihe nach einer einjährigen Pause heuer zum fünften Mal veranstaltet. Auch dieses Mal wurde unter dem Veranstaltungsmotto „Vom Kind zum Greis – Zahnheilkunde von 0 bis 100“ auf die Zahngesundheit in diesen Lebensabschnitten eingegangen. Allerdings wurde heuer ein besonders heikles Thema für Zahnärzte auf die Agenda gesetzt: Was kann und darf ein Zahnarzt tun, wenn er Anzeichen von Misshandlung bei Kindern feststellt, und wozu ist er verpflichtet?

Mit über 120 Teilnehmer, die aus ganz Österreich und Deutschland am 12. Oktober 2013 in das Medizinische Ausbildungszentrum des AKh Linz kamen, setzte die Veranstaltung den Erfolg der vergangenen Jahre fort. Die Begrüßung erfolgte durch den Obmann der OÖGKK, Albert Maringer, und die Ressortdirektorin Mag.Dr.inKarin Rumpelsberger, BHC, BA. In Vertretung von Bürgermeister Franz Dobusch überbrachte die Linzer Gemeinderätin Mag.a Miriam Köck die besten Wünsche für das Symposium, Mag. Thomas Stelzer, Klubomann der ÖVP-Landtagsklubs, richtete im Namen von Landeshauptmann Josef Pühringer Grußworte die Teilnehmer. Chefzahnarzt Prim. MR Dr. Josef Bukal eröffnete und moderierte dieses fachübergreifende Symposium.
Bei der Dentalausstellung im Foyer konnten sich die Besucher wieder über neueste technische Produkte für die Zahnarztpraxis informieren.

Von Zahnprophylaxe für werdende Mütter bis zur Zahnpflege im Seniorenheim

Neben dem Themenkreis der Zahnpflege und -prophylaxe für Kleinkinder und Jugendliche befasste sich das Symposium, dem Motto entsprechend, schwerpunktmäßig mit der Zahnbehandlung für Schwangere und stillende Mütter. Für den Themenschwerpunkt „Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ konnten Prim. Univ.-Doz. Dr. Günter Fasching vom Klinikum Klagenfurt und Prim. Dr. Michael J. Merl von der Landes- Frauen- und Kinderklinik in Linz gewonnen werden. Über Zahnpflege im Alter beziehungsweise im Senioren- oder Pflegeheim referierten Prof. Dr. Christoph Benz, Präsident der Bayrischen Landeszahnärztekammer, und DDr. Alexander Bednar sowie Bettina Pirner von der OÖGKK.

Die ReferentInnen

  • DDr. Alexander Bednar, Zahnarzt im Zahngesundheitszentrum Linz der OÖGKK
  • Prof. Dr. Christoph Benz, Zahnklinik der Universität München, Präsident der Bayrischen Landeszahnärztekammer
  • DDr.in Elisabeth Danner, Fachärztin für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Schwerpunkt Kinderzahnbehandlung im Zahnambulatorium Graz der STGKK
  • Prim. Univ.-Doz. Dr. Günter Fasching, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee; Kinderschutzgruppe Klinikum Klagenfurt
  • Dr.in Andrea Haslinger MSc, MBA, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin (Fachschwerpunkt Kinderanästhesie) und Leiterin der OP-Koordination im LKH Vöcklabruck
  • Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz, ärztlicher Leiter im Sonderkrankenhaus Diakonie Zentrum Spattstraße, Linz
  • Bettina Pirner, stv. Leiterin der zahnärztlichen Assistentinnen in den Zahngesundheitszentren der OÖGKK
  • Dr.in Silvia Träupmann, niedergelassene Kinderzahnärztin und Fachzahnärztin für Kinderstomatologie in Leipzig

Die Inhalte

Die demografische Entwicklung muss ein zunehmendes Angebot an Leistungen und Gütern zur Krankenbehandlung für alte Menschen nach sich ziehen. Um die Zahngesundheit aber für alle Altersgruppen sicher zu stellen, muss die Prophylaxe bereits bei Schwangeren und stillenden Müttern beginnen.
Dementsprechend wurden die Inhalte der vergangenen wissenschaftlichen Tagungen thematisch ausgeweitet. Darüber hinaus wurden in zwei Vorträgen ein Thema angesprochen, das für Zahnärzte besonders heikel werden kann: Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

  • Zahnärztliche Prophylaxe während Schwangerschaft und Stillzeit für Mutter und Kind
  • Hast du es eilig, so mache einen Umweg (Zen-Weisheit)
    Der direkte Weg zur Kinderzahnbehandlung – ein „Umweg“ („Zahn-Weisheit“)
  • Wenn der Zahnarzt Verdacht schöpft – was tun bei Verdacht auf Kindesmisshandlung?Gewalt an Kindern und Jugendlichen – Kinderschutz in der zahnärztlichen Praxis: Was kann ich tun? Was darf ich tun?
  • Konservierend-chirurgische Behandlung im Seniorenheim
  • Anästhesiologische Probleme im Kindes- und Greisenalter
  • Das Projekt ZIA der OÖGKK – Zahnmedizin im Alter
  • Tipps und Tricks zur Pflege der Zähne und des Zahnersatzes beim älteren Menschen

Zahnärztliche Prophylaxe während Schwangerschaft und Stillzeit für Mutter und Kind

„Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit bringen im Leben einer jeden Frau neben der freudigen Erwartung auf ihr Kind auch einige hormonelle Umstellungen mit sich“, berichtet Dr.in Silvia Träupmann, niedergelassene Fachzahnärztin für Kinderstomatologie, aus ihrer Erfahrung in Leipzig. Diese Umstellung wird auch im Mundbereich sichtbar und kann zu Problemen mit Zähnen und Schleimhaut führen. Träupmann berichtet, dass in der ehemaligen DDR im „Mutter-Kind-Pass“ eine Grundsanierung des Muttergebisses vor der Niederkunft vorgesehen war.
30 bis 100 Prozent aller Schwangeren leiden an Schwangerschaftsgingivitis. Der veränderte Hormonspiegel – der Plasmaspiegel von Progesteron und Östrogenen steigt – führt zu erhöhter Durchlässigkeit für Toxine der Plaquebakterien. Die allfällige Parodontitis wird für niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburt verantwortlich gemacht.
Vordringliche Probleme in der Schwangerschaft sind demnach Parodontitis, Karies und Erosion. Zurückzuführen sind sie auf vermindertes Zähneputzen aus Angst vor Zahnfleischbluten oder Würgereiz, ein verändertes Essverhalten („Lust auf Süßes“), gesenkte Pufferkapazität des Speichels, sowie Übelkeit und Erbrechen.
Träupmann empfiehlt die Beratung der Schwangeren durch den Zahnarzt sowie die nötige Sanierung möglichst ohne Röntgen. Auf dem Programm muss auch die Aufklärung über Ernährung und Zahnpflege beim Kind sowie die Übertragungsmöglichkeiten der Karies stehen.
Für effektive Mundhygiene rät Träupmann zu entzündungshemmenden Zahncremen oder alkoholfreien Mundspülungen sowie zur professionellen Zahnreinigung in der Ordination.
Fluorid- Mundspüllösungen statt sofortigem Zähneputzen sind das Mittel der Wahl, um bei morgendlichem Erbrechen die Erosion des Zahnschmelzes hintanzuhalten.
Nach der Geburt wird oft die Notwendigkeit der Zahnpflege ab dem ersten Milchzahn unterschätzt. In Extremfällen sind bereits vor dem zweiten Geburtstag des Kindes die Milchfrontzähne kariös.
Stillen als wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsvorsorge ist auch für die Entwicklung des Kiefers wichtig. „Stillen ist die wichtigste und beste kieferorthopädische Prophylaxe“ – und führt nicht zu Karies („Muttermilch ist älter als Karies“), so Träupmann. Die Brustfütterung fördert die Ausprägung der Mundmuskulatur und -motorik sowie Kiefer- und Sprachbildung. Sie beeinflusst die Entwicklung der Nasenatmung günstig, wodurch der pH-Wert des Speichels normal bleibt und so Infektionen der oberen Atemwege vorbeugt.
Zähneputzen sollte schon ab dem ersten Zahn zur Gewohnheit werden, die Zahnputzzeit sollte aber als „Spielzeit“ ritualisiert werden. Milchzähne sind für das Dauergebiss von großer Wichtigkeit, aber bereits vor dem Zahndurchbruch kann mit dem Massieren des Kieferkamms begonnen werden.
Abschließend wies Träupmann darauf hin, dass der Zahnarztbesuch bis zum ersten Geburtstag so wichtig wie die kinderärztliche Untersuchung ist. Spätestens wenn der erste Zahn da ist, sollte der Säugling jedenfalls dem Zahnarzt vorgestellt werden.

Hast du es eilig, so mache einen Umweg (Zen-Weisheit)

Auf die nächstältere Patientengruppe ging DDr.in Elisabeth Danner, Zahnärztin mit Schwerpunkt Kinderzahnbehandlung der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, ein. Sie berichtete aus ihrer Praxis im Zahnambulatorium Graz, in der 50 bis 70 Prozent der Patienten einen Migrationshintergrund haben. „Kinder bringen den Arbeitsalltag in unserer Ordination oftmals ein wenig durcheinander. Einfache Regeln, viel Herz und Gelassenheit, Phantasie und Empathie schaffen eine Brücke zu Kindern und deren Eltern“, so Danner. Dann fassen die kleinen Patienten nach und nach Vertrauen und kommen, wie die Erfahrung zeigt, gerne wieder.
Kinder brauchen eine persönlich zugeschnittene und auf das Alter abgestimmte Behandlung. Danner bedient sich dafür einer besonders einfühlsamen Sprache – beruhigende Stimmlage, kindgerechte Umschreibung der beängstigenden Instrumente und Ansprache auf Augenhöhe und mit dem Vornamen des Kindes –, kurzer Wartezeiten und Belohnungen nach erfolgreicher Behandlung. Weil in den ersten zehn Sekunden über die gegenseitige Sympathie entschieden wird, wird jedes Kind persönlich im Warteraum abgeholt. Daneben gehören Spielzeug und „Stellvertreter“ für die Behandlung, an denen die Behandlung vorgeführt wird, zur Ausstattung ihrer Ordination.
„In die Augen schauen – zuerst die Beziehung, dann die Zähne“, Körperkontakt ist für Danner das wichtigste Kommunikationsmittel und sie ruft ihren Kollegen in Erinnerung: „Wenn Sie 20 Kinder behandelt haben, entspricht das 40 bis 50 erwachsenen Patienten.“

Heikles Thema

Auf ein besonders heikles Thema gingen die beiden folgenden Vorträge ein: Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Prim. Univ.-Doz. Dr. Günter Fasching, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie am Klinikum Klagenfurt und dort Leiter der Kinderschutzgruppe, beleuchtete in seinem Vortrag die physischen Aspekte des Problems. In der Folge ging Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz, auf die psychischen Gesichtspunkte im Umgang mit misshandelten Menschen ein.

Wenn der Zahnarzt Verdacht schöpft – was tun bei Verdacht auf Kindesmisshandlung?

„Die Misshandlung von Kindern ist ein gesellschaftliches Phänomen, das schon seit Jahrhunderten bekannt ist, hat aber erst 1962 mit der Bezeichnung ‚battered child syndrome‘ in die medizinische Literatur Eingang gefunden“, hielt Prim. Fasching fest. Bezeichnenderweise ging die erste Jugendschutzorganisation in den USA aus dem Tierschutzverein hervor.
Auch ein Kieferchirurg oder Zahnarzt kann in seiner Praxis mit Misshandlungsfolgen konfrontiert sein. Als Kindesmisshandlung bezeichnet Fasching neben sichtbaren Verletzungen durch körperliche Misshandlung auch körperliche Vernachlässigung, psychische Gewalt sowie sexuelle Ausbeutung.
Besonders typische Verletzungen im Kopf-Halsbereich werden in der Zahnarztpraxis auffällig. Deren Reihe ist lang und erschreckend: Blutunterlaufungen (Hand- oder Fingerabdruck auf der Wange), Ausriss von Haarbüscheln, Monokelhämatom etc. Zahnärzte werden auch mit Verletzungen an der Lippe und in der Mundhöhle wie abgebrochene oder ausgeschlagene Zähne vor Zahnwechsel oder Einriss des Oberlippenbändchens konfrontiert sein.
Das Verhalten der Eltern kann erste Hinweise auf eine stattgefundene Misshandlung geben. Typische Verletzungsmuster, unklare oder wechselnde Angaben zum Unfallhergang oder Verhalten des Kindes und der Eltern sollten dem behandelnden Arzt zu denken geben. Auch weniger augenfällige Anzeichen wie mangelnde Pflege oder Entwicklungsrückstand müssen kritisch beurteilt werden. Bei manchen Verletzungen kann nur eine Ausschluss- oder Differenzialdiagnose den Verdacht erhärten oder die Angaben der Eltern bestätigen. Sie darf also nicht unterbleiben. Mit allen Maßnahmen soll die Familie unterstützt werden, um wieder zueinander zu finden, so Fasching, allerdings geht Opferschutz vor Täterschutz.
Im Verdachtsfall erfolgt die Meldung an den Jugendwohlfahrtsträger. Die idealen Ansprechpartner sind Kinderschutzgruppen in den Krankenhäusern, Kinderschutzzentren oder die Kinder- und Jugendanwaltschaft.
Jedenfalls sollte bei Verdacht eine genaue schriftliche Aufzeichnung nach der Untersuchung angefertigt werden, bestenfalls unterstützt durch Fotodokumentation. Dabei müssen Lokalisation, Größe, Farbe und Form der Verletzung festgehalten werden.

Gewalt an Kindern und Jugendlichen - Kinderschutz in der zahnärztlichen Praxis: Was kann ich tun? Was darf ich tun?

Gewalt an Kinder und Jugendlichen und deren Folgen begegnen dem Haus- und Facharzt im beruflichen Alltag immer wieder, stellt auch Prim. Merl fest.
Durch die zu begrüßende Enttabuisierung des Themas sowie die Sensibilisierung und fachliche Ausbildung sind Ärzte zunehmend mit Fragen in diesem Zusammenhang konfrontiert: Welchen Formen von Gewalt könnten meine Patienten ausgesetzt sein? Wie kann ich Symptome erkennen? Wie soll ich reagieren, wenn sich der Verdacht einer Misshandlung oder Vernachlässigung ergibt? Was ist aus rechtlicher Sicht zu tun? Wie kann ich meinem kleinen Patienten am besten helfen?
Ärztliche Praxen sind Orte, an denen Menschen aktiv oder passiv etwas von sich preisgeben. Bei Kindern und Jugendlichen findet das oft passiv durch den – mehr oder weniger offensichtlichen – Befund statt. Wissend, dass sich Kinder und Jugendliche mit Gewalt- oder Vernachlässigungserfahrungen im Durchschnitt sieben Mal mitteilen müssen, ehe sie mit ihrem Anliegen gehört werden, ist es notwendig, dass der Arzt das Anliegen des Kindes oder Jugendlichen ernst und sich die Zeit nimmt, angemessen zu handeln:

  • Zuhören
  • Beziehungsangebot aufrechterhalten
  • Mit Hilfe der Eltern oder der Jugendwohlfahrtsbehörde den Schutz des Kindes installieren

Die rechtlichen Grundlagen dazu bilden das Ärztegesetz und das Jugendwohlfahrtsgesetz.
Die Formen von Gewalt sind vielfältig und nicht immer leicht zu erkennen, vor allem wenn es sich um Vernachlässigung und psychische Gewalt handelt. Oft leben die betroffenen Kinder und Jugendlichen in desolaten oder defizitären Familiensystemen. Krisenhafte Entwicklungen bei den Kindern wie die Trotzphase, die Pubertät, aber auch Probleme, die aus Entwicklungsdefiziten entstanden sind, führen häufig zu Überforderung und familiärem Burnout. Daraus kann körperliche oder psychische Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung entstehen. Psychische Erkrankungen bei den Eltern erhöhen das Risiko für Misshandlung und Vernachlässigung ebenso wie Isolation, niedriger sozialer Status, finanzielle Schwierigkeiten oder eine kritische Wohnsituation. Daher ist es wichtig auch das Risiko durch die Kenntnis des sozialen Umfelds, soweit möglich, einzuschätzen.

Konservierend-chirurgische Behandlung im Seniorenheim

Als selbstbestimmt lebender Mensch ist man an eine optimale zahnmedizinische Versorgung gewöhnt. Selbständige Zahnpflege, Prophylaxetermine in der Praxis und zeitnahe Hilfe bei Problemen erhält heute vielen Menschen ihre natürlichen Zähne bis in hohe Alter, hält Prof. Christoph Benz fest.
Wenn jedoch Pflegebedürftigkeit eintritt, kann die Mundpflege meist nicht mehr selbst durchgeführt werden. Prophylaxetermine fallen aus, weil Transporte Zeit und Geld kosten, Praxen häufig nicht barrierefrei sind und Zahnärzte nicht gelernt haben, mobil zu arbeiten. Meist wird solange gewartet bis Schmerzen entstehen und Zähne entfernt werden müssen. Die Entzündungsherde beeinträchtigen die Allgemeingesundheit und Kaufunktion geht unwiederbringlich verloren. Dabei bringt Mundpflege in der Altenpflege sehr wohl Vorteile: Die Prävalenz von Lungenerkrankungen sinkt um 40 Prozent, Notfallbehandlungen gar um 56 Prozent.
Zahnbehandlungsstühle in Alten- und Pflegeheimen werden auch in Zukunft für die Heimbetreiber sowohl in der Anschaffung als auch Instandhaltung zu teuer sein. Andererseits wären die Standards für die Hygiene dort schwer einzuhalten, so Benz.
Benz wies die Zuhörer darauf hin, dass durch die geburtenschwachen Jahrgänge „Kundschaften“ für die Praxen ausbleiben würden. Der niedergelassen Zahnarzt kann also nicht darauf verzichten, ältere und alte Patienten zu behandeln – auch in Pflegeheimen –, will er seine Praxis kostendeckend führen. Darüber hinaus wäre die Karies „am Aussterben“: Seit 1993 würden in der BRD 40 Prozent weniger Füllungen wegen Karies in den Ordinationen anfallen.
Für die tägliche Arbeit schlägt Benz vor, einen Tag pro Woche für diese neue Art der „Hausbesuche“ zu reservieren. Mit dem Ordinationsteam muss vorab besprochen sein, welche Behandlungen mobil angeboten werden sollen, eine Checkliste der benötigten Materialien sollte erstellt sein und auf die hygienische Aufbereitung darf nicht vergessen werden.
Als mögliche Behandlungen, die auch mobil erbracht werden können, nennt Benz:

  • Präventive Maßnahmen
  • Füllungen
  • Arbeiten am Zahnhalteapparat
  • Prothesenmanagement
  • Zahnentfernung nur im Extremfall

Anästhesiologische Probleme im Kindes- und Greisenalter

Dr.in Andrea Haslinger ist seit 2001 als Anästhesistin am LKH Vöcklabruck tätig. Aus ihrer jahrelangen Tätigkeit stammt die Erkenntnis: „Kinder sind keine kleinen Erwachsene, denn sonst wären sie Zwerge…“. Demnach lassen sich Narkosemedikamente nicht einfach gewichtsadaptiert verabreichen.
Kinder haben geringere respiratorische Reserven, dementsprechend ist für sie Sauerstoff das wichtigste Medikament in der Narkose. Besonderheiten ergeben sich bei den anatomischen Unterschieden zum Erwachsenen, wie zum Beispiel die im Verhältnis große Zunge, eine kurze Trachea und der höher stehende Larynx.
Bei Kindernarkosen kommt es aufgrund dieser anatomischen und physiologischen Besonderheiten wesentlich häufiger zu respiratorischen Problemen. Sie stellen einen der Hauptrisikofaktoren für Morbidität und Mortalität in der Kinderanästhesie dar. Die Art des Eingriffs (höher bei Operationen im HNO-Bereich), der Gesundheitszustand und das Alter des Kindes sowie nicht spezialisierte Anästhesisten beeinflussen das Risiko ungünstig.
Ausschlaggebend für eine zufriedenstellende Narkotisierung während einer Operation sind Haslinger zufolge das medizinische Hintergrundwissen über die Besonderheiten der kleinen Patienten, regelmäßige Fortbildung, Teamarbeit sowie richtiges und richtig vorbereitetes Equipment. Im LKH Vöcklabruck erfolgt die Atemwegssicherung bei kurzen Eingriffen und den wöchentlich stattfindenden Zahnsanierungen mittels Spirallarynxmaske. Durch dieses schonende Anästhesieverfahren reduziert sich die Häufigkeit postoperativer Atemwegskomplikationen, allerdings schützt es aber nicht vor Aspiration. Bei längerer OP-Dauer ist die Intubationsnarkose vorzuziehen.
Im Kindesalter ist eine Zahnbehandlung in Allgemeinanästhesie nur bei richtiger Indikationsstellung und beim infektfreien, nüchternen Kind zu befürworten, so Haslinger.

Aufgrund der demographischen Entwicklung wird sich in den nächsten dreißig Jahren die Zahl der über 80-Jährigen mehr als verdoppeln. Damit gehen gesundheitliche Besonderheiten einher: Physiologische Veränderungen, Multimorbidität, damit verbundene Dauermedikation, eingeschränkte Mobilität und schlussendlich cerebrale Durchblutungsstörung bis hin zur Demenz. Herabgesetzt sind viele anatomische und physiologische Parameter: Gesamtkörperwasser und Muskelmasse nehmen ab, ebenso Gehirngewicht. Der Grundstoffwechsel, das Herzschlagvolumen sind ebenso erniedrigt wie der Nierenblutfluss und die allgemeine Vitalkapazität. Daraus ergeben sich die häufigsten Erkrankungen im Alter wie koronare Herzkrankheiten, arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, COPD, Nierenerkrankungen sowie Diabetes.
Bedingt durch die Multimorbidität dieser Altersgruppe ist das perioperative Management für Anästhesisten eine besondere Herausforderung. Nötig ist eine genaue präoperative Vorbereitung. Wissen und Erfahrung um allgemeine Maßnahmen zur Reduktion des perioperativen Risikos sind Voraussetzung.
Eingriffe in Sedierung sind beim alten Menschen nicht minder komplikationsbehaftet. Abhilfe können ein erweitertes Monitoring und die Beachtung des ausreichenden Perfusionsdrucks während der Operation schaffen.

Das Projekt ZIA der OÖGKK – Zahnmedizin im Alter

Tipps und Tricks zur Pflege der Zähne und des Zahnersatzes beim älteren Menschen

Bezugnehmend auf das Referat von Benz, stellte DDr. Alexander Bednar das oberösterreichische Projekt „ZIA – Zahnmedizin im Alter“ vor. Darüber hinaus ging Bednar auf die besondere Problematik der Behandlungsmöglichkeiten im Alter ein. So wären bei der Behandlung alter Patienten Kenntnisse im Umgang bei physischer Behinderung – Lagerung, Transport, „Umsetzen“ – nötig. Bednar fordert Verständnis für die soziale, psychische und physische Lage sowie für die reduzierte Hygienefähigkeit im Alter. Aus fachlicher Sicht wäre der Interaktion von bestehenden Krankheiten bzw. Medikation mit der Mundgesundheit mehr Beachtung zu schenken.
Im Rahmen des Projekts „ZIA – Zahnmedizin im Alter“ wurde versucht, den Bedürfnissen des alternden Patienten von Seiten der Zahngesundheitszentren der OÖGKK gerecht zu werden. Das Projekt stellt ein Angebot für Patienten dar, die nach ihrer Aufnahme im Pflegeheim ihren gewohnten Zahnarzt nicht mehr erreichen können, und will keinesfalls niedergelassene Zahnärzte aus dem Geschäft drängen.
Schulung der Pflegekräfte soll ein besseres Verständnis für die zahnmedizinischen Bedürfnisse des alten Patienten sowie die prothetischen Arbeiten schaffen. Ausgewählte zahnmedizinische Leistungen direkt vor Ort anzubieten, kann die Lebensqualität der Heimbewohner verbessern. Notwendigkeit für dieses Angebot ergibt sich aus medizinischen Aspekten – wie frühzeitiges Erkennen von zahnmedizinischen Störungen oder Informationsdefiziten beim Pflegepersonal –, menschlichen Problemen – etwa anstrengende und lange Transporte – sowie wirtschaftliche Probleme durch hohe Transportkosten oder Folgeerkrankungen durch späte Versorgung.
Derzeit sind acht Behandlungsteams in mehr als einem Drittel der Alten- und Pflegeheime in Oberösterreich im Einsatz.
Tipps und Tricks zur Pflege der Zähne und des Zahnersatzes beim älteren Menschen kamen im Anschluss von Bettina Pirner, stellvertretende Leiterin der zahnärztlichen Assistentinnen in den Zahngesundheitszentren der OÖGKK. Sie wies auf die besonderen Anforderungen in der Prophylaxe bei Senioren hin: Oft seien Zahnersätze mit eigenen Zähnen kombiniert, die Senioren verfügten nur mehr über eine eingeschränkte Mobilität und darüber hinaus wären Gedächtnis, Aufnahme- und Lernfähigkeit vermindert.
Bei einer Prophylaxesitzung mit Senioren sind auf Grunderkrankungen (Schlaganfall, künstliche Gelenke etc.) ebenso wie auf Medikamente Rücksicht zu nehmen. Umgebungsgeräusche sollten so weit wie möglich eliminiert werden (Hörgeräte). Die Ratschläge zur Mundpflege sollten regelmäßig wiederholt und geübt werden sowie mit Bildern und Merkblättern unterstützt werden. Geduld ist jedenfalls nötig.
Aus der Erfahrung Pirners sind die häufigsten Erkrankungen bei Senioren Wurzelkaries, Gingivitis, Parodontitis und Halitosis.
Als Hilfe für die selbständige Mundhygiene bei Senioren empfiehlt Pirner Griffverstärkungen, Prothesenbürsten und selbstverständlich die passende Zahnbürste. Der Gebrauch oszillierende oder Schall-Bürsten sind im Einzelfall abzuwägen.

Resümee

Die interessanten Referate zu diesem breit gefächerten Themenbereich berührten die tägliche Praxis aller Teilnehmer. Die gespannte Aufmerksamkeit während der Referate von Fasching und Merl dokumentierte die Betroffenheit der Teilnehmer und stellte die Sensibilisierung der Zuhörer gegenüber dem Thema Kindesmissbrauch sicher. Nicht zuletzt deshalb konnte das Symposium als großer Erfolg gewertet werden.

Mag. Christian Boukal
Mag.a Elke Rechberger


Zuletzt aktualisiert am 24. April 2018