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2. Wissenschaftliche Tagung „Standards in der Kinderzahnheilkunde“


OÖGKK-Symposium im Monat der Zahngesundheit

Nach dem großen Erfolg im Vorjahr hat die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse heuer zum zweiten Mal gemeinsam mit dem Zweigverein der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ÖGZMK) eine zahnmedizinische Tagung veranstaltet. Zahnärzte, zahnärztliche Assistenten und erstmals auch Kinderärzte kamen zum fachübergreifenden Symposium „Standards in der Kinderzahnheilkunde“ in das Ausbildungszentrum der Landesfrauen- und Kinderklinik Linz. Über 200 Teilnehmer reisten dafür aus ganz Österreich in die diesjährige Kulturhauptstadt.

Gesundheitsziel „Kariesfreie Zähne“

Im Monat der Zahngesundheit hat die OÖGKK durch die Tagung „Standards in der Kinderzahnheilkunde“ einen weiteren Schritt gesetzt, um die Gesundheitsziele zu erreichen. Im Rahmen der WHO-Ziele, an denen sich auch die Gesundheitsziele Oberösterreichs orientieren, wurde für die Zahngesundheit ein wichtiges Ziel formuliert: Bis zum Jahr 2010 sollten mindestens 80 Prozent der Kinder der Altersgruppe der 6-Jährigen kariesfrei sein, und 12-Jährige sollten im Durchschnitt höchstens 1,5 kariöse, extrahierte oder gefüllte Zähne aufweisen. Unter der Leitung und Moderation des Chefzahnarztes Prim. MR Dr. Josef Bukal standen einen Tag lang verschiedenste Themen der Zahnheilkunde speziell für Kinder im Mittelpunkt.

Die Referenten

Univ. Doz. Dr. Johann Beck-Mannagetta, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde – Zweigverein Salzburg,
Univ.-Lekt. Prim. DDr. Elmar Favero, Chefzahnarzt und Ärztlicher Leiter der Ambulatorien für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Tiroler Gebietskrankenkasse,
Prim. Dr. Werner Gerstl, Primararzt und Leiter der Abteilung für Kinder- und Neuropsychiatrie in der Landesfrauen- und Kinderklinik Linz,
Dr. Herbert J. Gusenleitner, Gründungsmitglied des VÖK (Vereinigung Österreichischer Kieferorthopäden und Gründungsmitglied der ALOS (Austrian Lingual Orthodontic Society),
Dr. Nicola Meißner, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde,
Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Landesklinikum St. Pölten.

Themen
Ernährung – zahngesundes Essen
Kariesprävention
Kinderzahnbehandlung, Praxisorganisation – Schmerzpatient
Kieferorthopädie – Frühbehandlung
Mundschleimhautveränderungen – Tumore bei Kindern und Jugendlichen
Psychologie – Zahnarztangst und Therapiemöglichkeiten

Kleine Patienten als Herausforderung

Gesunde Kinderzähne und die Prophylaxe müssen immer Vorrang haben. In der Vorsorge liegt noch viel Potenzial, darin waren sich Gastredner und Referenten bei der Tagung einig. Sehr praxisnah hat Dr. Nicola Meißner die besondere Herausforderung bei der Behandlung von Kindern dargestellt. Diese muss bereits im Vorfeld stressfrei organisiert sein. Für Kinder ist der erste Eindruck, der Kennenlerntermin, oft entscheidend. Zu einer kindgerechten Atmosphäre in der Ordination können neben einem geschulten, einfühlsamen und immer freundlichen Team auch viele Kleinigkeiten beitragen: Ein Aquarium in Kinderaugenhöhe ist spannend und lenkt ab, Raumdeos nehmen den typischen, oft Angst machenden Zahnarztgeruch, Bohrer und Co. sind nicht auf den ersten Blick sichtbar und natürlich das absolute Highlight, ein Fernseher über dem Behandlungsstuhl. Zum Abschluss darf die Belohnungsmünze mit einem Geschenk aus dem Belohnungsautomaten nicht fehlen.
Das Therapiekonzept muss Schritt für Schritt die Kinder auf die Zahnbehandlung vorbereiten. Aus diesem Grund stehen zu Beginn nur ein Kennenlerntreffen, dann einmal eine Mundhygienesitzung und kleine Füllungsmaßnahmen bis das Kind für Milchzahndodontie und Extraktionen vorbereitet ist. Ein Kind kommt mit negativen Erlebnissen besser zu recht, wenn es vorher schon positive Erlebnisse hatte. Der erste Zahnarzttermin darf kein Schmerztermin sein, auch dann nicht wenn das Kind Schmerzen hat.

Angst vorm Zahnarzt

Der Zahnarztbesuch darf nicht zum abnormen Erlebnis werden. Denn Kinder kennen die Angst vorm Zahnarzt eigentlich nicht. Die Zahnbehandlung auf erlebnisorientierten Programmen aufzubauen, begrüßt daher auch der Kinder- und Jugendpsychiater Prim. Dr. Werner Gerstl. Über Zahnarztangst und mögliche Therapien hat er referiert. Die Angst vorm Zahnarzt ist bei Kindern oft ein hausgemachtes Problem. Sie hören die Erwachsenen über ihre Angst und Erlebnisse beim Zahnarzt reden. Viele Erwachsene warten bis die Schmerzen zu Hause unerträglich werden und gehen erst dann zum Zahnarzt.
Angst im Allgemeinen ist normal und kann auch sinnvoll sein. Wenn daraus aber eine phobische Störung wird, und die kleinen Patienten sich erst gar nicht mehr in den Mund schauen lassen, weil sie schon Schmerzen haben und erkennen, wie ihre Eltern das Problem verdrängen, ist Therapie notwendig. Die beste Vorbeugung gegen Ängste ist auf der einen Seite die Kultur der Pflege und die Förderung des Zahnbewusstseins der Kinder zu stärken, auf der anderen Seite der Umgang mit Angststörungen im professionellen Sinne. Hier können Psychologen bzw. Kinder- und Jugendpsychiater mit verschiedensten Therapieformen – Psychoedukatie für Eltern, Pädagogen und Zahnärzte, Spiel-, Gesprächs- und Verhaltenstherapie für Kinder und konditionierende Therapie - einen wichtigen Beitrag leisten.

Zwischen Pizza und Donuts

Wie sehr gesunde Zähne mit dem Essen zusammenhängen, hat Prim. DDr. Elmar Favero in seinem Vortrag anschaulich dargestellt. Dass die paradiesischen Zustände im „Süßigkeitsschlaraffenland Österreich“ für die Zähne gar nicht so paradiesisch sind, liegt auf der Hand. Das Süße übt seit jeher eine Faszination auf die Menschen aus: Honig war bei den Griechen die Götterspeise und im Alten Testament stellte man sich das Gelobte Land als eines vor, wo Milch und Honig fließen. Oft ist es der Dschungel der Ernährungsempfehlungen, der die Menschen überfordert. Die Werbung empfiehlt vermeintlich „gesunde“ Produkte, die sich bei genauerem Hinschauen als wahre Zuckerbomben herausstellen. Zu wenig Bewegung vor Computer und Fernseher, dazu die vielen süßen und fetten Snacks, machen die Kinder übergewichtig und ihre Zähne karieskrank. Die süßen Zwischenmahlzeiten sind für Favero ein Angriffspunkt, denn Süßigkeiten generell zu verbieten wird nicht gelingen. Der Süßigkeitsgeschmack ist für die Kinder auch eine Art Sicherheitsgeschmack: Bereits die Muttermilch schmeckt süß. Die präventive Strategie heißt daher: Sport und Spiel und richtiger Umgang mit Süßigkeiten in clevere Information verpackt.

Neue Aspekte der Kariesprävention

Die drei Eckpfeiler der Kariesprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen sind ausgewogene Ernährung, regelmäßige, zweckmäßige Zahn- und Mundhygiene und die Anwendung von Fluoriden. Neue Möglichkeiten der Kariesprävention, die viel versprechen, hat Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer in seinem Referat diskutiert. Kariesprophylaxe durch Antibiotika und Probiotika, die Impfung gegen Karies und ein schon fast weltweit zugelassener, nur in Europa noch nicht verfügbarer Zuckerersatz wurden auf ihre Wirksamkeit hin durchleuchtet. So wurden beispielsweise die positiven Effekte vom Zuckeraustauschstoff Xylit hervorgehoben: Im Kaugummi wirkt Xylit Karies sogar entgegen. Die Übertragung von Karies von Müttern auf ihre Kinder könnte so verhindert werden.

Kieferorthopädische Frühbehandlung

Um das rechtzeitige Erkennen und Behandeln von verschiedensten kieferorthopädischen Funktionsstörungen, Zahn- und Kieferfehlstellungen ging es im Vortrag von Dr. Herbert J. Gusenleitner. Diese können massive Fehlentwicklungen zur Folge haben. Mit der Frühbehandlung besteht die Möglichkeit mit zum Teil sehr einfachen Mitteln eine normale Gebissentwicklung zu fördern und der Manifestation schwerer Dysgynathien entgegen zu wirken. Die kieferorthopädische Frühbehandlung kann zum Teil schon prophylaktisch im Milchgebiss oder auch später im Wechselgebiss einsetzen und ist meist auf wenige Jahre beschränkt. Kieferorthopädische Untersuchungen sollten mit 4 Jahren (Milchgebiss), 8 Jahren (frühes Wechselgebiss) und mit 12 Jahren (spätes Wechselgebiss) erfolgen. Anhand von Fallbeispielen wurden Gründe für Frühbehandlungen und praktisches Vorgehen mit abnehmbaren wie auch festsitzenden Regulierungen diskutiert. Nicht wegzudenken ist der psychosoziale Aspekt einer kieferorthopädischen Frühbehandlung: Die Gesichtsästhetik kann positiv beeinflusst werden, selbst wenn eine später Operation unumgänglich ist. Wesentlich ist auch hier, die Eltern müssen – nicht zuletzt für bestmögliche Kooperation - über das Prozedere im Detail aufgeklärt werden.

Früherkennung von krankhaften Veränderungen

Bereits frühzeitig können Veränderungen im Bereich der Mundhöhle auftreten. Über angeborene Fehlbildungen, Syndrome, Infekte, aber auch Zysten und Tumore hat Univ. Doz. Dr. Johann Beck-Mannagetta bei der Tagung referiert und anhand von Bildern anschaulich dargestellt. Zahnarzt, Allgemeinmediziner und Kinderarzt spielen bei der Früherkennung von krankhaften Veränderungen im Mundbereich von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle. Häufig ist hier eine fachübergreifende Zusammenarbeit sowohl bei Diagnose also auch bei Therapie erforderlich. Das Eingehen auf die Ängste der Kinder, aber auch der Eltern, verlangt mitunter ein hohes Maß an Geduld und Einfühlungsvermögen.

Erstmals Dentalausstellung

In den Pausen hatten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit sich bei der Dentalausstellung im Foyer über neueste Produkte und Entwicklungen am Dentalmarkt zu informieren. Auch im kommenden Jahr soll wieder eine wissenschaftliche Tagung zu „Standards in der Kinderzahnheilkunde“ stattfinden.

Mag. Ulrike Bauer (OÖGKK)


Zuletzt aktualisiert am 24. April 2018