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3. Wissenschaftliche Tagung „Standards in der Kinderzahnheilkunde“


Fachübergreifende Tagung der OÖGKK in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde OÖ.

Nach den großen Erfolgen der vergangenen beiden Jahre hat die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse wieder eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Standards in der Kinderzahnheilkunde“ veranstaltet. Auch heuer war die Veranstaltung fachübergreifend ausgerichtet und bezog neben Zahnärzten und zahnärztlichen Assistenten wieder Fachärzte der Kinderheilkunde ein. Als fachübergreifendes Thema wurde dieses Jahr „Essstörungen“ gewählt. Über 120 Teilnehmer reisten dafür aus ganz Österreich und teilweise Deutschland am 11. September 2010 in das Ausbildungszentrum der Landes- Frauen- und Kinderklinik nach Linz. Die Veranstaltung wurde durch den stellvertretenden Obmann der OÖGKK, Albert Maringer, und die Linzer Gemeinderätin Mag.a Miriam Köck eröffnet. Auch Mag.a Dr. Andrea Wesenauer, Ressortdirektorin der OÖGKK, wies in ihrer Eröffnungsadresse darauf hin, dass die OÖGKK mit dieser Tagung „fachübergreifende Akzente setzen“ will.

Neuester Stand der Wissenschaft

Das Dentalzentrum für Kinder und Jugendliche der OÖGKK – kurz KIDZ – hat zum Ziel, die Zahnbehandlung von Kindern und Jugendlichen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu halten. Deswegen wird auf die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung großer Wert gelegt. In der Folge veranstaltet das KIDZ – in Kooperation mit der ÖGZMK OÖ (Österreichische Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde Oberösterreich) regelmäßig Kongresse zum Thema „Standards in der Kinderzahnheilkunde“. Darüber hinaus ist das KIDZ den Gesundheitszielen Oberösterreichs verpflichtet, die für die Zahngesundheit wichtige Ziele formuliert: Bis 2010 sollten mindestens 80 Prozent der Kinder der Altersgruppe der 6-Jährigen kariesfrei sein und 12-Jährige sollten im Durchschnitt höchstens 1,5 kariöse, extrahierte oder gefüllte Zähne aufweisen.
Unter der Leitung und Moderation des Chefzahnarztes Prim. MR Dr. Josef Bukal standen einen Tag lang verschiedenste Themen der Kinder- und Zahnheilkunde speziell für Kinder im Mittelpunkt.

Die Referenten

Dr. Verena Bürkle, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (ÖGK)
Ao. Univ. Prof. Dr. Kurt Alois Ebeleseder, stv. Leiter der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Universitätsklinik für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde Graz,
Prim. DDr. Elmar Favero, Chefzahnarzt und ärztlicher Leiter der Ambulatorien für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Tiroler Gebietskrankenkasse; Vorsitzender der Kommission „Zahnmedizin-Prophylaxe“ im Obersten Sanitätsrat,
Dr. Sabine Männer, Zahnärztin in der Kinderzahnordination Dr. Meißner und Dr. Bürkle in Salzburg,
Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes-, Frauen- und Kinderklinik Linz und ärztlicher Leiter im Sonderkrankenhaus Diakonie Zentrum Spattstraße,
Dr. Johannes Mühleder, Oberarzt an der Kinderabteilung im Klinikum Wels-Grieskirchen Pädiatrischer Endokrinologe und Diabetologe,

Themen

Gruppenprophylaxe als Basis für die Individualprophylaxe in der zahnärztlichen Ordination
Behandlungsmöglichkeiten von Kindern – Von Verhaltensführung über Lachgassedierung bis zur Narkosesanierung
Standards in der Zahntraumatologie bei Kindern
Psychologie – Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen erkennen
Pädiatrie – Essstörungen: Übergewicht und Adipositas im Kinder- und Jugendalter

Prophylaxe steigert Zahn-Gesundheitsbewusstsein

Die großartigen und nachhaltigen Erfolge der Gruppenprophylaxe sind umfassend und ausreichend evaluiert und dokumentiert. Sie sind in einem hohen Maße für das enorm steigende Zahn-Gesundheitsbewusstsein in Österreich – wenn auch topographisch sehr unterschiedlich – verantwortlich, stellte Prim. DDr. Elmar Favero, Chefzahnarzt der Tiroler Gebietskrankenkasse und Vorsitzender der Kommission „Zahnmedizin-Prophylaxe“ im Obersten Sanitätsrat fest.
Gleichzeitig zeige sich bei allen Untersuchungen ein immer höheres Maß an Polarisation: Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben ungefähr 80 Prozent der kariösen Läsionen. Das bedeutet, dass für diese 20 Prozent die Gruppenprophylaxe nicht ausreichend ist. Diese Hochrisikogruppe bedarf einer individuellen Intensivprophylaxe in der zahnärztlichen Ordination durch ein entsprechend ausgebildetes und geschultes Team. Mit der Frage „Bohren Sie noch oder heilen Sie schon?“ wies der Referent seine Zuhörer auf den absoluten Vorrang der Prävention hin. Dabei spielen auch die familiären Strukturen eine wichtige Rolle. Favero: „Wichtigstes Vorbild sind die Eltern!“
Die Gruppenprophylaxe sei nicht nur die Basis, sondern schaffe das Verständnis für die so elementar notwendige professionelle Mundhygiene in der Praxis. Der Referent als „Erfinder“ des neuen Berufsbildes der Zahn-Gesundheits-Erzieherinnen (ZGE) zeigte die Möglichkeiten und Notwendigkeit der Gruppenprophylaxe in all ihren Facetten auf.

Zahnbehandlung unter Sedierung: Von Verhaltensführung bis zur Narkosesanierung


Die Komplexität der Kinderbehandlung besteht zum einen aus den besonderen zahnärztlichen Behandlungstechniken, wie Milchzahnendodontie, Stahlkronenversorgung oder Lückenhaltern, zum anderen aber auch aus den Fähigkeiten der Kinder zur Kooperation. In ihrem Vortrag richteten Dr. Verena Bürkle und Dr. Sabine Männer, Zahnärztinnen einer Salzburger Kinderzahnarztpraxis, den Fokus auf den Aspekt der Behandelbarkeit der Kinder.
„Jedes Kind ist ein Individuum und weist auf Grund seines Alters, des familiären Hintergrunds, der Schmerzwahrnehmung und -wertung und natürlich der vorausgegangenen Erfahrungen eine unterschiedliche Compliance auf“, so Männer. Trotzdem kann die Zusammenarbeit durch verschiedene Strategien gesteigert werden. So zum Beispiel durch schrittweises Lernen, Methoden wie „tell-show-do“, Desensibilisierungstechniken und Formen der Hypnose bei Kindern, wie Konfusionstechnik oder Distraktion. Zur Unterstützung dieser Methoden eignet sich die Lachgassedierung, die im Vortrag der Referentinnen vorgestellt wurde. Darüber hinaus kann bei sehr jungen Kindern und Angstpatienten oder einem sehr großen Behandlungsumfang weitere medikamentöse Unterstützung erforderlich werden, wie die Dormicumsedierung oder Intubationsnarkose, die in Kooperation mit einem kindererfahrenen Anästhesieteam erfolgt.

Standards in der Zahntraumatologie bei Kindern

Bei einer Prävalenz von 30 Prozent im Milch- und mindestens 15 Prozent im bleibenden Gebiss ist das Zahntrauma eines der häufigsten akuten Ereignisse im Kindesalter, hielt Ao. Univ. Prof. Dr. Kurt Alois Ebeleseder, stv. Leiter der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Universitätsklinik für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde in Graz, fest. „Die Ätiologie zeigt, dass 70 – 90 Prozent der Unfälle als unvermeidbar eingestuft werden müssen“, so Ebeleseder.
In seinem Vortrag ging der Spezialist auf die wünschenswerten Standards in der Versorgung ein:

  • rascher psychologischer Zugang zum verletzten Kind,
  • fachkundige röntgenologische und klinische Diagnostik,
  • tabellarische Dokumentation,
  • minimal invasive Erstversorgung,
  • frühe Funktionalität,
  • antibakterielles Prozedere,
  • individuelle endodontische Entscheidung,
  • parodontologische Prognose und Nachsorge,
  • ästhetische Therapien und interdisziplinärer Spielraum.

Bei Einsatz dieser Tools können Verluste auf etwa 8 Prozent der verletzten Zähne begrenzt werden. Durch entsprechende Zwischenlösungen können auch bei Zahnverlust fast alle Kinder ohne abnehmbare Prothetik ins implantierfähige Alter gebracht werden.
Milchzahnverletzungen heilen nach den gleichen Prinzipien wie die Verletzungen der bleibenden Zähne. Unterschiede zum bleibenden Gebiss ergeben sich aus der reduzierten Kooperation, der reduzierten Notwendigkeit zur Zahnerhaltung, der möglichen Mitschädigung bleibender Zahnanlagen und der Entwicklung einer Zahnangst, sodass in letzter Zeit die „kontrollierte Nichtbehandlung“ an Bedeutung gewonnen hat, so Ebeleseder.

Essstörungen – Erkennen und Handeln

Den Bogen zur Kinderheilkunde schlug Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes-, Frauen- und Kinderklinik Linz und ärztlicher Leiter im Sonderkrankenhaus Diakonie Zentrum Spattstraße. Sein Vortrag beschäftigte sich mit den häufigen psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter: den Essstörungen Anorexia nervosa (0,5 bis ein Prozent der 12 bis 25-jährigen Frauen) und Bulimia nervosa (ein bis fünf Prozent). Diese bekannten Krankheitsbilder betreffen in erster Linie junge Mädchen und Frauen, zunehmend aber auch männliche Jugendliche.
Zur qualitativen und quantitativen Einschränkung der Ernährung, vermehrten und für das Alter ungewöhnlichen körperlichen Aktivität als Ausgleich zum „Dickmacher Essen“ kommt in schweren Erkrankungsfällen die missbräuchliche Verwendung von Medikamenten (Abführmittel, Diuretika, Appetitzügler).
Bulimische Patienten hingegen leiden unter Essattacken mit anschließendem Erbrechen. Wesentliche Elemente dieser psychischen Befindlichkeitsstörung sind die Körperschemastörung, der soziale Rückzug und zwanghafte Verhaltenssymptome, stellte Merl fest. In der Folge treten Minderwuchs, Endokrinopathie, Elektrolytstörungen, Veränderungen der Haut und der Hautanhangsgebilde sowie Schäden des Gastrointestinaltrakts auf. Aufgrund der komplexen Genese der Erkrankung, des oft langwierigen Verlaufs und des Widerstands der Patienten kommt es erst relativ spät zur Behandlung. „Durch das häufige Erbrechen bei diesen Erkrankungen können durch die erbrochene Säure Zahnschäden entstehen: Osteoporose, Zahnlockerung, Säureerosion, Demineralisierung, Mangel beziehungsweise abnorme Zusammensetzung des Speichels“, hält Merl fest. In seinem Referat gab er Zahnärzten Tipps zum richtigen Verhalten bei Patienten mit Verdacht auf Essstörung.
Auch der Chefzahnarzt der OÖGKK, Prim. MR Dr. Josef Bukal, stellt fest: „Dem Zahnarzt kommt daher eine wichtige Rolle in der Früherkennung von Essstörungen zu.“

Adipositas und Übergewicht im Kinder- und Jugendalter

Auch im letzten Vortrag des Tages beschäftigte sich Dr. Johannes Mühleder, Oberarzt an der Kinderabteilung im Klinikum Wels-Grieskirchen für Pädiatrischer Endokrinologe und Diabetologe, mit dem Thema Übergewicht im Kinder- und Jugendalter.
Vor allem Kinder und Jugendliche leiden unter krankhafter Fettsucht oder Adipositas. Ihr Anteil ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen. „Eine aktuelle österreichische Studie weist rund 13 Prozent der zehn- bis 14-Jährigen als Übergewicht aus, zehn Prozent sind adipös“, so Mühleder. Erschreckend dabei ist die frühe Manifestation von Folgekrankheiten wie der Adipositas-Diabetes, dem metabolisches Syndrom, Gallensteinen oder orthopädischen Störungen schon bei 12-Jährigen, hielt Mühleder fest. Vor allem aber leiden die Kinder unter erheblichen Störungen der psychosozialen Entwicklung und der Lebensqualität.

Nur stärker gebaut oder doch zu dick?

Eine Adipositas oder Fettleibigkeit liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse pathologisch erhöht ist, am einfachsten kann dies mit Hilfe des sogenannten Body Mass Index festgestellt werden. Untersuchungen konnten nachweisen, dass ein Großteil der interindividuellen Unterschiede des BMIs erblich ist. Hierbei funktioniert das Regelsystem im Körper nicht mehr richtig, das Hormon, das dem Gehirn Sättigung signalisiert, liefert bei adipösen Patienten die falschen Signale. Aus der Genetik allein erklärt jedoch die exzessive Zunahme der Adipositas nicht: Vielmehr sind ein Mangel an Bewegung und ein Zuviel an Nahrung die Ursachen dafür.
Um betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen zu können, sollten durch interdisziplinäre Betreuungskonzepte Abhilfe geschafft werden, so Mühleder. Kinderärzte, Sporttherapeuten, Psychologen und Ernährungswissenschafter zusammen sollen helfen, beim Kind oder Jugendlichen eine Änderung des Lebensstils zu erreichen. Die dritte Säule der Betreuung sind Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltensmodifikation.
Umgelegt auf die Kinderzahnheilkunde besagen diese Erkenntnisse jedoch nicht, dass dickere Kinder schlechtere Zähne hätten. Die Verbindung zu zuckerhältigen Getränken ergibt jedoch die Gefahr von vermehrt kariösen Zähnen in dieser Gruppe: „Diese Getränke machen dick und schlechte Zähne“, so Mühleder. Daraus ergibt sich auch sein Wunsch nach vermehrter Sensibilisierung der Zahnärzte in Bezug auf Essstörungen.

Prävention ist die beste Therapie

Ein großer Teil unserer Kinder wird durch „Adipositas-fördernde“ Lebensbedingungen gefährdet, die nur teilweise unter individueller Kontrolle stehen, und deswegen ist Adipositas im Kindes- und Jugendalter gegen herkömmliche Maßnahmen weitgehend therapieresistent. Ein wichtiger Schritt ist daher die Prävention, die in ersten schulbasierten Programmen bereits mittelfristige Erfolge zeigen.
Bei diesen Programmen sollten einfache Botschaften möglichst über einen breit angelegten Ansatz vermittelt werden. Unter Einbeziehung der Eltern, der Lehrern, von Schulkantinen, Medien und auch der Freizeitgestaltung ist es das primäre Ziel, den Kindern ein Stück der Unbeschwertheit, Freiheit und Lebensqualität zurückzugeben.

Für alle Referenten stellen deshalb Maßnahmen der Prävention beziehungsweise der Früherkennung die wichtigsten Bedingungen für Zahngesundheit im Kindesalter dar.


Zuletzt aktualisiert am 24. April 2018